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Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 23. Mai 2010 (Pfingstsonntag)

(23.05.2010) — Landesbischöfin Ilse Junkermann

in der St.- Nikolaus-Kirche zu Nedlitz

Hört als Predigttext auf Pfingsten die Epistel: 1. Korinther 12, 4- 11, Paulus schreibt:
4 Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.
5 Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.
6 Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.
7 In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller;
8 dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist;
9 einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist;
10 einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen.
11 Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will.

"Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige."

Liebe Schwestern und Brüder!
Auch eine reiche Gemeinde kann es schwer haben! Nehmen wir z. B. Korinth: Da kommen zur Gemeinde so viele verschiedene Menschen! Frauen von reichen Bürgern ebenso wie Tagelöhner, die im Hafen arbeiten und ebenso wie Sklaven aus großen Häusern. Viele fühlen sich angezogen! Viele wollen sich engagieren und kommen in die christliche Gemeinde! Und jeder und jede bringt etwas ein, eine eigene Gabe. So gibt es unter den vielen verschiedenen Menschen dazu noch unglaublich viele Gaben! Nach allem, was wir aus den Briefen des Paulus erschließen können, ist es ganz schön bunt bei den Gottesdiensten und Gemeindeversammlungen zugegangen. So ungefähr könnte man sich das vorstellen:
Hier spricht einer von Dingen, die nur er in ferner Zukunft sieht. Und dort ermahnt eine junge Christin ihre Schwestern und Brüder ganz eindringlich - die neue Freiheit, als Frau in der Gemeinde reden zu dürfen, lässt sie so eindringlich reden, also: eindringlich ermahnt sie die Geschwister, ja nicht die Alten, Armen und Kranken in der Gemeinde zu vergessen. Und da bietet ein anderer Heilungskräfte an, die einige aus der Versammlung sofort laut bestätigen. Mittendrin hört man plötzlich mit lauter Stimme und ganz klar - völlig unverständliche Silben und Laute; daneben jemand, der das gleich übersetzt. Und da, etwas an der Seite, ist da nicht dieser ungebildete Mann, der seine Erkenntnisse von Jesu Tod und Auferstehung vermitteln will und sich auf Paulus beruft.

Sehr munter und lebendig muss es in Korinth zugegangen sein; nicht selten war es mehr ein Durcheinander als dass es noch schön bunt war. Für manche war es anstrengend, sich noch durchzufinden. Schnell konnte die Stimmung auch kippen und angespannt und gereizt werden - wie soll man das alles auch unter einen Hut bekommen? Korinth war ja schon eine bunte, eine Mulitikulti-Hafenstadt. Da war man schon einiges gewohnt an Buntheit und Durcheinander vieler Kulturen! Internationales Flair, so würde man heute sagen. Aber selbst dort waren so viele Gaben und so großes Engagement nicht nur schön, sondern auch ein Problem!

Ja, auch eine reiche Gemeinde kann es schwer haben!
Wenn Gott an Pfingsten und seit Pfingsten seinen Geist so reichlich und in so vielen und vielerlei Gaben gibt! Wie lebhaft und lebendig ist dann seine Gemeinde - aber eben auch: anstrengend!
Denn es kam ein zweites hinzu: Immer wieder war zu merken: bei aller Freude daran, dass das Gemeindeleben so vielfältig und lebendig ist - wenn der eine anfing, mit der anderen zu konkurrieren, das war wirklich nicht schön. Da waren manche schon sehr überzeugt von sich: was ich einbringe, das ist wichtiger als das, was so ein Hafensklave einbringen kann! Und so machte sich diese Meinung bald auch in der Gemeinde breit - dass es wichtigere und bessere Gaben gibt unter den vielen. Je wundersamer die Gaben waren, desto größer war die Achtung. Zungenrede! Heilungskräfte! Ja, das ist wirklich etwas Besonderes! Ist das denn wirklich gleichzusetzen mit einer normalen Predigt? Oder gar mit nüchterner Warnung vor zu viel Begeisterung?
Ja, auch eine reiche Gemeinde kann es schwer haben!

Aber das, liebe Schwestern und Brüder in Nedlitz und in Nedlitz-Büden und im Kirchspiel Biederitz, das ist ja nicht Ihr Problem: zu viele und zu viele verschiedene in Gottesdienst und Gemeinde! Wenn es nur mal so wäre! Na, deren Probleme, die möchten wir wohl haben!, haben Sie vielleicht schon gedacht bei der Schilderung der Zustände von Korinth.
Wie sieht es bei uns dagegen aus? Viele sind wir nicht! Und so viele verschiedene? - das können Sie nur selbst sagen und hoffentlich kommen wir darüber nach dem Gottesdienst auch ins Gespräch!
Was heißt das dann also für uns, was Paulus schreibt? Was heißt Pfingsten heute in Nedlitz und im Kirchspiel? Wenn es doch eine so andere Situation ist? Kann uns dann das überhaupt etwas sagen, wenn Paulus es für eine so ganz andere Gemeinde schreibt?

Ja, liebe Schwestern und Brüder! Manchmal kann man von anderen etwas lernen, gerade weil die Situation so anders ist. Wenn wir den möglichen Neid auf soviel Reichtum, Begeisterung und Begabung mal zur Seite stellen und mithören, was Paulus den Korinthern sagt, kann es auch in unsere Situation hinein etwas sagen.

Verschieden sind die Gaben, Ämter und Kräfte, so betont er in den ersten drei Sätzen. Wenn ich es direkt aus dem Griechischen übersetze, so heißt es eher: aufgeteilt, ja zer-teilt sind die Gaben, die Aufgaben und die Energien.

Was von Gott zu den Menschen kommt, das ist nur in Einzelteilen bei den Einzelnen zu haben. Dass einer alles oder dass eine etwas ganz und ungeteilt bekommt, das gibt es nicht!
Ist es nicht schon so bei der Schöpfung? Auch dort entsteht die Welt durch Teilung! Nur geteilt ist unsere Welt und Schöpfung zu haben: Himmel und Erde; Tag und Nacht; Pflanzen, Tiere und Menschen. Dieses Grundmerkmal der Schöpfung ändert sich auch durch Pfingsten nicht. Das neue Reich, das mit Christus anbricht, das ist der alten Schöpfung darin jedenfalls gleich: auch die Gaben des Geistes, auch die Aufgaben in Jesu Dienst, auch die Kräfte, die Gott gibt - sie sind nur geteilt, nur zerteilt zu haben. Menschen können nicht das Ganze und Vollkommene schaffen, auch Christen können das nicht. Und wenn die Ideale noch so groß sind - was wir können, ist und bleibt zer-teilt, ist und bleibt Stückwerk.

Damit erinnert uns Paulus: Auch als Christen und mit Geist begabte Menschen bleibt Ihr: Menschen. Ihr werdet nicht Halbgötter oder gottgleich. Ihr bleibt Gottes Ebenbild zwar, aber Mensch!
Was also, liebe Schwestern und Brüder würde der Apostel Paulus uns schreiben? Was würde er nach Nedlitz und Nedlitz-Büden und dem Kirchspiel Biederitz schreiben? Wenn auch uns gilt, dass wir von Gott Gaben und Aufgaben und Kräfte nur zerteilt bekommen? Jeder und jede bekommt nur einen Teil, wenn das auch uns gilt, dann würde er, wenn ich ihn recht verstehe, schreiben: strebt nicht dauernd nach dem Vollkommenheitsideal, wie es noch besser, schöner, beeindruckender werden könnte. Seid nicht betrübt und traurig über das, was Ihr nicht habt. Nehmt die Teile, die Ihr habt als Teile und Gaben von Gott! Nehmt die Aufgaben und Dienste, die vor Euren Füßen liegen, als Aufgaben und Dienste, die der Herr, die Jesus Euch aufgibt! Nehmt die Kräfte, die Ihr habt, auch wenn es Euch wenig erscheint, als Kräfte von Gott!

Dazu braucht es als Voraussetzung: das, was in Euren Gemeinden hier ist, wirklich als von dem einen, dem selben Geist, dem einen, dem selben Herrn und dem einen, dem selben Gott zu nehmen.
Also nicht: das ist meins, das hab ich von mir, mal sehn, ob und wie viel ich einbringe. Wenn es vom Geist, vom Herrn und von Gott ist - dann ist es nie allein einem einzelnen gegeben. Wenn das, was er kann und das, was ihr an Begabungen zugewachsen ist im Lauf eines Lebens und Glaubenslebens, wenn jede und jeder genau das, was er als Teil hat, als eine Gabe Gottes sieht - dann kommt alles darauf an: es auch so anzunehmen. Dann ist wichtig: wahrnehmen und erkennen: wer sind wir und was haben wir - gleich, wie viele und was es ist: wir sind Gottes gesammelte Stückwerke! Wir brauchen und wir sollen nicht nach mehr und nach anderem schauen und uns sehnen - das, was ist, der und die, die da sind, sind von Gott erwählt und begabt - und zwar so, wie sie sind!! Keiner muss "passend" sein und keine muss "passend" gemacht werden - denn dass es passt, das hängt daran, dass es vom selben Geist und Herrn und Gott kommt. Er sorgt dafür, dass es zusammen gehört und zusammen Sinn macht.

Das ist also das 1., das wir auch als ganz andere Gemeinde mithören und erkennen können für uns: alles, was da ist, als Gabe und von Gott zugeteilt erkennen.
Das kann schon eine ziemliche Herausforderung sein - wenn eine Gemeinde alles selbst passend machen will - wenn jemand, der nicht so passend erscheint, mehr oder weniger ausgeschlossen wird. ...

Jede Gemeinde kann es schwer haben, gerade dann, wenn sie hohe Ideale hat, immer anderes und immer mehr will. Kurz: Wenn sie mehr sein will als Gottes versammelte Stückwerke. Wenn sie einheitlich, wenn sie uniform sein will.

Das Zerteilte - Gott kann es ganz machen und zu einem Ganzen fügen. Das haben Sie mit Ihrem Turm hier in Nedlitz erlebt: Zerteilt war er, kurz vor dem Einsturz. Wenn Ihnen jemand vor 30 Jahren gesagt hätte, er wäre heute wieder ganz - hätten Sie das geglaubt? Gott geht seine eigenen Wege!

Er ruft uns in die Gemeinschaft der Verschiedenen und nicht der Gleichen.
Die Gemeindeglieder können sich auch nicht raussuchen, was ihnen am besten gefällt, vielmehr: nachdem Paulus verschiedene Gaben aufgezählt hat, betont er noch einmal zum Schluss: alles teilt der Geist einem jeden zu - wie er will.

Es kommt also ganz darauf an, das, was in einer Gemeinde an verschiedenen Menschen und Gaben zusammenkommt, anzunehmen und aufzunehmen als von Gott gegeben. Und nicht noch immer mehr und immer besser nachzueifern und zu fragen, wie viel Potential ist noch da? Wichtig ist, dass Christen aneinander und an sich Gaben entdecken und sie ohne Anpassungszwang einbringen kann.
Wissen Sie z. B., welche Gaben die letzten Sonntag Konfirmierten einbringen können? Welche Teile sie erhalten haben?
Nach unserem Predigttext sind es jedenfalls Gaben, und Dienste und Kräfte. Was der Geist gibt, auch das ist verschieden, so verschieden wie Gott in sich in seiner heiligen Dreifaltigkeit ist.

Und nun das zweite:
Es ist nur dann eine Gabe und als Gabe recht gebraucht, wenn es zusammengelegt wird (ML übersetzt: zum Nutzen aller...) -
Nichts ist für sich allein gegeben - es geht darum, dass es zusammenwirkt. Eins soll ins andere hineinwirken. Es kommt darauf an, einander in die Hand arbeiten - oder, kurz und knapp: alles, was eine Gemeinde hat, dient ihrem Dienen in der Welt.
Die Gemeinde ist nicht für sich selbst da und soll nicht unter sich sein. Vielmehr, wie wir es in der Pfingstgeschichte gehört haben: die Jüngerinnen und Jünger sind zuerst in den Häusern, unter sich. Als aber der Geist Gottes auf sie kommt, ist es, als lösen sich die Mauern ihres Hauses auf und sie sehen sich in den öffentlichen Raum (in Jerusalem) hineinversetzt. Da ist seit Pfingsten ihr Platz: mitten in der Öffentlichkeit. Hier soll laut werden, wie Gott die Welt und seine Schöpfung will: Gerecht, friedvoll, seine Schöpfung bewahrend.

Je kleiner die Gemeinde und die Gottesdienst-Gemeinde ist, desto mehr muss sie sich in den öffentlichen Raum um sich herum hineinversetzt sehen, desto durchlässiger müssen ihre Mauern und Grenzen sein. Keine Gemeinde ist zu klein, diesen öffentlichen Auftrag wahrzunehmen - mit ihren geteilten Kräften, mit dem, was sie hat.

Im nächsten Abschnitt nach unserem Predigttext führt Paulus dann aus, was als Bild so berühmt geworden ist: die verschiedenen Gaben wirken zusammen wie verschiedene Glieder in einem Leib - der Zweck und Sinn des ganzen ist, dass die Gemeinde keine andere Aufgabe hat, als Christi Leib zu sein. Christus selbst will in einer Gemeinde, in jeder Gemeinde, in jeder Kirche erkannt werden. Das ist unser Auftrag. Deshalb gibt er Gaben. Die Welt soll Gottes Zuwendung erfahren - durch uns als gesammelte Stückwerke.

Was für eine Aufgabe - jede Gabe ist dafür zu gebrauchen! Eine Gemeinde kann es wirklich schwer haben. Wenn einzelne oder die ganze Gemeinde Gaben für sich haben und behalten will. Dann hockt man nicht nur zur Stärkung beieinander. Dann kann man aufeinander hocken und dann kann es dabei so eng werden, dass ganz bestimmt niemand kommt und auch dazu gehören will.
So bitten wir um den Geist Jesu Christi: dass wir alles, was wir sind und haben, als seine Gabe erkennen, achten, dass wir alles ins Miteinander-Wirken in dieser Welt aufnehmen.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



Zitat

"Der Prediger steige auf die Kanzel, öffne seinen Mund, höre aber auch wieder auf."
Martin Luther


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