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Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 25. Juni 2010

(25.06.2010) — Landesbischöfin ilse Junkermann

im Universitätsgottesdienst am Schillertag der Universität Jena Matthäus 28, 16-20 ("Christsein in der Welt")

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Hört als Predigttext aus Mt 28, 16 - 20:
16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.
17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden
19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen/geboten habe. Und siehe/seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Rum verkündige. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Universitätsgemeinde!
Das ist der Höhepunkt bei jeder Bergwanderung: oben auf dem Berggipfel stehen - den Blick genießen, den Blick in die Weite, den Blick rundum - man bekommt das Ganze - von diesem Berggipfel aus zu sehen. Was gibt es Schöneres! Gerade hier in Jena lässt sich das gut nachvollziehen: Der Blick von den Kernbergen, vom Fuchsturm, der Horizontale, hinab in das "Städtchen an der Saale" - gewiss hat dieser Blick auch schon Friedrich Schiller begleitet und inspiriert.

Was gibt es Schöneres, als oben auf dem Berg innezuhalten, die Weite des Blicks in den Himmel und auf die Erde zu Füßen genießen. Sehen: wie schön ist die Welt! Wie wunderbar ist der Ausblick! Um solch einen Blick vom Berge aus geht es in unserem Predigttext. Um einen Rundum-Blick und um einen Ausblick. Hier oben auf dem Berg hören wir Jesu Worte. Sie lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Es geht ums Ganze. Was Jesus den Seinen beim Abschied anvertraut ist - das Ganze.
Schon allein die Semantik dieses Schlussabschnitts aus dem Matthäusevangeliums zeigt: Es geht ums Ganze. Das Wort "alle" bzw. "alles" kommt in diesen vier Versen vier mal vor. Und entsprechend geht es darum, alles zu umfassen, geht es um Ausweitung und Ausbreitung:
- von den 11 Jüngern auf alle Völker,
- von einem Berg in alle Welt, Himmel und Erde umfassend,
- um alle Gebote
- von jetzt hin zu allen Tagen.

Es geht ums Ganze. Denn der, der spricht, hat alle Gewalt und Macht. An dieser Macht sollen alle Anteil bekommen durch die Taufe und die Lehre bzw. das Lernen. Die Schlusspredigt Jesu auf dem Berg - sie nimmt das Ganze in den Blick. Und darin liegt die Antwort auf das Thema "Christsein in der Welt": Wer nach Christsein in der Welt fragt, bekommt mit Jesu Worten am Ende des Mattäus-Evangeliums eine klare Antwort: Christsein ist in der Welt zu leben. In diese Welt hinein schickt er die Seinen, weil es ums Ganze geht, zu dem auch die Welt gehört. Und: Christsein ist für die Welt zu leben. Denn es geht um die frohe Botschaft für alle Welt. Die Frage ist also nicht eine nach dem "Ob". Die Frage ist vielmehr: wie geht das - Christsein in der Welt?

Und die Antwort auf diese Frage ist nicht so leicht. Wir wissen ja, sowohl aus Jesu Worten, als auch aus der Geschichte der Christen und der Kirche ( - und hier können wir ganz Friedrich Schillers Verständnis von Geschichte folgen, nach dem sich ein Ereignis ans andere reiht und zusammen ein Bild ergibt - ): Von beidem her wissen wir: Christsein in der Welt ist eine Gratwanderung. Auf diese Gratwanderung schauen - welcher Ort könnte dafür besser geeignet sein als ein Berg! Wie jede Wanderung ist auch die Wanderung auf diesen Berggipfel - und die Wanderung von diesem Berggipfel weiter - wie jede Wanderung ist auch diese Wanderung mühsam - und oft gefährlich. Übermanche Abgründe ist zu gehen. Und manche Strecke auf dem Grat ist nur mit hoher Konzentration, Schritt für Schritt bewusst gesetzt, zu bewältigen, um nicht nach einer Seite hin abzustürzen.

Auf zwei Seiten hin kann einer, kann die Kirche auf dieser Gratwanderung "Christsein in der Welt" abstürzen: zur einen Seite hin - meist ist es zunächst eher ein Abgleiten in einen sanften Hügel hin - ist es die Seite des politischen Engagements. Es kann geschehen, dass Christsein so sehr Welt gestaltet und Politik macht, dass es mit einem Mal politische Interessen verbrämt (Beispiel: Kreuzzüge - bis ins 20. Jahrhundert hinein, wenn Politiker vom Kreuzzug gegen das Reich des Bösen sprechen). Ein anderes Beispiel: dass Christsein sich mehr und mehr auf rein politisches Handeln reduziert, (zwar noch christlich motiviert - aber kaum noch mehr als politisches Handeln.) Und unversehens werden damit gegenwärtige politische und gesellschaftliche Verhältnisse festgeschrieben, ja, das politisch und gesellschaftlich Vorfindliche wird religiös überhöht!

Auch zur anderen Seite hin ist es meist ein sanfter, verlockender Hügel, der die Absturzgefahr wunderbar kaschiert. Zu dieser anderen Seite hin ist die Verlockung und Gefahr, sich aus der Welt und dem Alltag der Welt zurückzuziehen; allein auf den Himmel zu hoffen, allein auf den Himmel zu vertrösten. Der Absturz auf diese Seite hin ist dem auf die andere Seite hin ganz ähnlich: auch hier werden gegenwärtige politische Verhältnisse festgeschrieben. Allein dadurch: Wenn der Christ sich v. a. um das Seelenheil kümmert- und die Welt anderen Akteuren überlässt, die nicht im Dienst des Herrn der Welt stehen.

Denn das ist die eine und einzige Begründung für die Wanderung auf dem Grat "Christsein in der Welt" - dass der Herr aller Christen sagt: Ich bin der Herr der Welt - "mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden". Nur an dessen Fersen kann sich Christsein in der Welt heften. Nur in dessen Nachfolge ist Christsein in der Welt zu gestalten, einen Schritt vor den andern setzend, zu gehen. Wie Christsein in der Welt zu leben ist - das sehen wir an dem, wie Christus in der Welt gelebt hat.

Und so und deshalb haben wir heute das große Glück, in der Gratwanderung innezuhalten - vielleicht auch vom einen oder anderen Abweg nach der einen oder anderen Seite hin zurückzugehen auf den Grat - und mit diesem Herrn die Aussicht zu genießen, die Aussicht und den Rundum-Blick auf dem Berg und auf seine Worte zu hören. Wenn wir dies tun - dann sehen wir zurück auf die anderen Berge, auf denen er stand. Da sehen wir: den Berg der Versuchung und den Berg der Bergpredigt; da sehen wir den Berg der Verklärung und den Berg der Kreuzigung. Alle vier können wir von jenem Berg in Galiläa aus sehen. Wie im Rückblick beleuchten sie diese letzte Predigt Jesu über das Christsein in der Welt. So können wir besser das Ganze, um das es geht, verstehen.

Ich finde es wunderbar, wie Matthäus mit den fünf Bergen und Bergstationen Christi besonderes Sein in der Welt markiert hat. So schauen Sie mit mir die Worte auf dem letzten Berg im Licht der anderen vier Berge an:

"Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden" - Vom Berg der Versuchung her fällt ein helles Licht auf diese Worte. Hatte ihm nicht der Versucher genau diese Herrschaft angeboten - hätte er sie nicht schneller und leichter haben können? Was ist der Unterschied zwischen der Macht und Gewalt, die er als Gekreuzigter und Auferstandener hat und der Macht und Gewalt die ihm der Versucher angeboten hatte? Der Preis war ihm zu hoch, es gab eine Bedingung: "Das alles will ich Dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest." An seiner damaligen Antwort können wir den Unterschied hören: "Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen." (Matthäus 4, 8-10)

Vom Berg der Versuchung her sehen wir: Es gibt Macht und Gewalten, die sich an Gottes Stelle setzen. Keine Macht darf sich absolut setzen - jede Macht ist geliehene - zu einem guten Zweck geliehene, weil vom guten Gott geliehene, der Gutes mit seiner Welt und für seine Welt und seine Menschen im Sinn hat. Das "und siehe: es war sehr gut" aus der Schöpfungsgeschichte soll wieder gelten können - daran ist aller Machtgebrauch zu messen, dafür ist Jesus in die Welt gekommen - der Erste der neuen Schöpfung, der, der die Tür zum Paradies wieder aufschließt. Seine Macht ist die Macht, Sünden zu vergeben. Das ist die Macht, die das gestörte Verhältnis zu Gott wieder herstellt. Es ist die Macht der Liebe und der Hingabe. Auf den Berg der Versuchung fällt schon das Licht vom Berg der Hingabe, des Kreuzes und des Leidens. Gott allein dienen - das heißt sich seiner Macht der Liebe anvertrauen, im Leben wie im Tod auf ihn allein hoffen. Das nimmt dem Tod und v. a. aller Macht, die mit dem Tod droht, seine Macht. Deshalb ist diesem Einen alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben: er hat weder sich selbst noch andere Menschen auf dem Altar der Macht und des Machtwillens geopfert. Wie gut, dass es einen solchen mächtigen Herrn gibt - der einzige, dem auch wir uns bedenkenlos anvertrauen können.

Und darum geht es: Christsein in der Welt vertraut sich keinen Herren an - außer diesem einen. Ja, Christsein in der Welt steht auf gegen die Herren der Welt, wenn sie Opfer fordern, wenn sie das Bild des offenen Paradieses für alle aus dem Blick verlieren. Und Christsein in der Welt ist im politischen und gesellschaftlichen Mitverantworten diesem Bild des offenen Paradieses, des uneingeschränkten Gottvertrauens und des Dienstes im Namen dieses Gottes verpflichtet.

"Geht hin und macht alle Völker zu Jüngern" Vom Berg der Verklärung her fällt Licht auf diese Worte: (Matthäus 17,4): Christsein in der Welt heißt von schönen Bergerlebnissen wieder aufbrechen, keine Hütten hoch oben für die vertraute Kommunikation mit Gott bauen, auch nicht für die mit Mose oder Elia. Christsein in der Welt heißt "Gehen" - wieder hinabsteigen von der wohltuenden Rast und der Gottesbegegnung. Hingehen zu den Menschen.

Gehen sollen wir - und nicht kommen lassen: In alle Welt, überallhin, keine Berührungsängste haben - sich den Fragen aussetzen, auch an der Hochschule - Gehet hin! Wie weit sind wir in unserer Kirche und in unseren Gemeinden oft davon entfernt. Wie sehr sitzen wir und warten, dass die Menschen zu uns kommen. Die Hügel auf dieser Seite des Grates verlocken zu sanfter Ruhe, zu schöner Gemütlichkeit.

"Macht alle Völker zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Taufen - das heißt nichts anderes, als die Menschen in den Bund Gottes mit den Menschen aufnehmen, als sie von anderen Herren und unsinnigen Opfern für diese weglocken hin zu diesem einen Herrn und sie seiner Macht der Liebe und der Zuneigung ohne Vorbedingung anvertrauen. Der Berg der Hingabe, Golgatha, leuchtet auf diese Worte - und sagt uns: ohne Zwang, allein mit und in der Macht der Liebe soll solches "Jüngermachen" geschehen. Die Taufe ruft auf den Weg zur Nachfolge, ruft in die Jüngerschaft. Diese versteht sich nicht von selbst, für sie braucht es eine Lehre: und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe." Wie schön leuchtet hier auf diese Worte der Berg der Bergpredigt: Mit der Taufe lebt jeder Getaufte im neuen Bund. Und das bedeutet: sich im Alltag der Welt an den Geboten, der Weisung zum Leben orientieren, das versteht sich nicht von selbst. Das braucht ein Lehren und ein Lernen, dafür gehen wir ein Leben lang in Jesu Schule und Hochschule. Alles, was er geboten hat - in den Worten der Bergpredigt finden wir alles Gebotene.

Gewiss kann man mit der Bergpredigt keine Politik machen. Aber: Die Weisungen und Preisungen der Bergpredigt, die Bildworte und das Gebet, all dies begleitet uns auf der Gratwanderung und auf dem Weg hinab von diesem Berg in den Alltag der Welt. Und dort, im Zwischenraum zwischen Kirche und Politik, dort sollen wir nach diesen Worten leben und sie in den Diskurs mit Gesellschaft und Politik bringen. Der Ökumenische Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist ein Beispiel dafür, wie Christsein in der Welt sich den Fragen und Herausforderungen der Ebene und des politischen Alltags stellt und die Gebote Jesu aus der Bergpredigt in den gesellschftlichen und politischen Diskurs einbringt. Christsein in der Welt des 21. Jahrhunderts ist dem Diskurs innerhalb der Zivilgesellschaft verpflichtet. Wie soll sich etwas ändern - wenn nichts anderes, nichts Welt-Fremdes in die Welt hineinkommt?

"Und siehe/seid gewiss: ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende." Christsein in der Welt - rechnet damit, dass die Welt zu Ende geht. Sie hat keinen Ewigkeitswert. Die Welt wird vergehen -und alles, was in dieser Welt gilt, wird vergehen. Das gibt Freiheit - nichts steht fest und unerschütterlich. Die Gesetze und behaupteten Gesetzmäßigkeiten der Welt haben keinen Ewigkeitswert. Die Menschen, die Christen, können sie immer wieder erforschen und neue Entdeckungen machen, Neues denken. Deshalb gehört zum Christsein in der Welt: dem freien Suchen und Forschen, der Wissenschaft verpflichtet sein!

Und: Die Menschen, die Christen, können immer weiter nach dem suchen und für das sich einsetzen und zu Zeiten auch dafür kämpfen, was der Freiheit dient. Diese Freiheit, dieser Ruf zur Freiheit wird bekräftigt darin, dass Jesus seine Gegenwart zusagt: seine Begleitung: ich bin bei Euch! Die Confessio Augustana, deren Gedenktag heute ist und die das ersten ökumenische Dokument der Reformation ist, dieses Augsburger Bekenntnis sagt uns, wie dieser Herr bei uns ist: in seinem Wort und Sakrament. Diese beiden stärken uns auf der Gratwanderung, sie rufen uns immer wieder zurück auf den Weg des Friedens und der Versöhnung.

So haben Christen etwas besonderes in den Alltag der Welt zu tragen: anderes Machtverständnis - nähe zu Gott - leben nach seinen Geboten und nicht nach anderen Rechten wie Recht des Stärkeren oder Regeln des Marktes oder was auch immer gerade die politischen und gesellschaftlichen Spielregeln sind; das Ende der Welt im Blick haben und den wiederkommenden Herrn - und deshalb immer wieder Freiheit wagen und Aufbruch zu Gerechtigkeit und Frieden, auch Frieden mit der Schöpfung.

So lassen wir uns von ihm, dem Herrn der Welt, stärken für die weitere Wanderung: Stellt euch nicht dieser Welt gleich - die Welt braucht anderes, als sie hat und ist - sie braucht Gott und sie braucht Menschenim Dienst dieses Gottes.



Zitat

"Der Prediger steige auf die Kanzel, öffne seinen Mund, höre aber auch wieder auf."
Martin Luther


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