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Predigt von Altbischof Dr. Christoph Kähler am 27. Juni 2010

(27.06.2010) — Altbischof Dr. Christoph Kähler

im MDR-Rundfunkgottesdienst aus der Stadtkirche St. Michael in Jena

Predigttext: Römerbrief, Kapitel 14

10 Du aber, was richtest du deinen Bruder?
Oder du, was verachtest du deinen Bruder?
Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
11 Denn es steht geschrieben:
»So wahr ich lebe, spricht der Herr,
mir sollen sich alle Knie beugen,
und alle Zungen sollen Gott bekennen.«
12 So wird nun jeder von uns
für sich selbst Gott Rechenschaft geben.
13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten;
sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn,
dass niemand seinem Bruder
einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

Liebe Schwestern und Brüder,

Unser Leben könnte so schön sein, wenn ... wenn es keine Rechthaberei, keinen Streit, keinen Ärger gäbe. Keine verärgert mehr eine andere -- am Arbeitsplatz. Keiner verachtet, was Angehörige sagen oder tun. Kein Mitschüler macht einen anderen lächerlich.

Das wäre schön. Aber ist es realistisch? Allein die jüngsten Schlagzeilen in Kirche und Gesellschaft: verärgerte Rücktritte, Streit und Ratlosigkeit -- wohin man auch schaut: Seien es die Finanzen, seien es die Schulen und Hochschulen. So dringend wir mehr Bildung für alle brauchen, so strittig sind die Lösungen zwischen den Ländern und Parteien, den Eltern und Lehrern. Die Kirche ist ebenso in der Krise und in der Kritik. Überall Ärger -- und schuld sind immer die anderen. Urteile sind schnell zur Hand.

Und wie steht es in Ihrer Familie? Wenn Sie zu Hause streiten, wer schlichtet dann und bringt beide Seiten wieder zusammen? Immer nur eine oder sind alle verantwortlich?

Eintracht ist nie selbstverständlich. Das weiß auch der Apostel Paulus. Streit kommt in den besten Familien vor -- in der Gemeinde, der Kirche, in der Politik. Damals in Rom, heute in Jena oder Berlin. Es geht nicht darum, allen Streit zu vermeiden, sondern gut damit umzugehen -- und mit den anderen.

Der Apostel hat Grund zu dieser Mahnung. Bei den ersten Christen schlägt nämlich die Begeisterung hohe Wellen und sie streiten um tiefgreifende Reformen. Manche wollen alles, aber auch alles in ihrem Leben ändern. Denn "Alles ist erlaubt!" meinen sie. Aber andere wollen lieber an vielem bewährten Alten festhalten. Was dann folgt, versteht sich fast von selbst: Ein heftiger Streit unter christlichen Brüdern. Rechthaberei, auch schon in diesen ersten Tagen der Kirche. Was hilft da? Und wer hilft?

Es hilft der Lehrer, der Evangelist, der Briefschreiber Paulus. Er rückt in seinen Briefen den Streithähnen den Kopf zurecht. Er mahnt die Stolzen und Schnellen, Rücksicht zu nehmen auf die Langsamen und Bedächtigen. Er bittet eindringlich: Denkt genau nach! Und schaut auf das Ende! Wir sind Geschwister und keine Richter über den Mitbruder. Ein anderer wird uns richten. Wir stehen nicht an Gottes Stelle. Sein Urteil dürfen wir nicht vorweg nehmen. Darum verärgert, verachtet und verurteilt einander nicht. Geht in allem -- unvermeidlichen -- Streit aufmerksam, menschlich, christlich miteinander um.

Wie gesagt, ob in den Kirchen, der Gemeinde oder der Familie: Wir sind unter Christen immer wieder verschiedener Meinung. Doch wie lernen wir, gut und geschwisterlich zu streiten? Was soll und darf erhalten bleiben? Was muss reformiert, also gründlich verändert werden?

Dafür haben wir -- Gott sei Dank -- in unserer langen Geschichte Vorbilder: Philipp Melanchthon hat in dieser Hinsicht Schule gemacht -- auch in Jena. Zu seinem 450. Todestag erinnern wir in diesem Jahr zu Recht an diesen Mann, dem alle evangelischen Christen viel verdanken -- mehr als uns oft bewusst ist.

Er kommt 1518 nach Wittenberg. Dort beginnt eben die Reformation. Der Streit unter den christlichen Brüdern wogt gleich heftig hin und her und auch die Schwestern nehmen daran ungewöhnlich viel Anteil. Zunächst streiten die Alt-gläubigen - also die, die wir heute Katholiken nennen - mit den Evangelischen, die sich mit Luther nur auf das Evangelium berufen, gegen Ablass und andere Missstände.

Doch bald streiten auch die Evangelischen untereinander. Einige wollen möglichst viel ändern. "Alles ist erlaubt!" Andere zögern und wollen möglichst viel vom alten Glauben bewahren.

In diesen Streit hinein kommt Melanchthon. Der junge Mann -- er war damals Anfang 20 -- ahnt kaum etwas von dem, was da in dem kleinen Nest Wittenberg auf ihn zukommen würde.

Schließlich kommt er ja auch nicht als Bischof oder Richter, sondern als Sprachdozent für Griechisch an die junge Universität. Aber was Luther und die anderen Professoren dort von dem Tübinger hören, ist mehr als trockene Grammatik.

Schon in seiner ersten Rede fordert Melanchthon tiefgreifende Veränderungen. Auch die Hohe Schule braucht eine Reformation, meint er, eine gründliche Studienreform. Er bietet seine Erfahrungen als Lehrbuchautor an: Lehren und Lernen aus der Sicht der Unwissenden, der Schüler!

Melanchthons Ansatz und seine Schriften verbreiten sich schnell durch Deutschland. Und manches ist bis heute, im Streit um Bildungsreformen aktuell. Immer wieder geht es um Bildung für alle, um Chancengleichheit für möglichst viele Schüler. Und um die Frage, was Bildung insgesamt ausmacht. Das ist mehr als Wissensvermittlung. Seine erste Rede schließt er mit der alten Aufforderung: Wage es, weise zu sein!

Universität und Schule sollen laut Melanchthon auch lehren, wie wir miteinander umgehen. Jeder Mensch und Christenmensch soll sich eine eigene Meinung bilden können und die der anderen prüfen. Das heißt, wenn wir streiten, dann mit Argumenten. Und so, dass wir auch die Argumente der anderen hören und bedenken. Das gilt in der Gesellschaft wie in der Gemeinde: Voneinander lernen und miteinander nach dem richtigen Weg suchen und nach der Wahrheit.

Melanchthon schreibt: "Deshalb kann kein Zweifel bestehen, dass der Lebensform des Lehrens und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt und dass den Schulen ... der Vorrang vor Kirchen und Fürstenhöfen gebührt, weil man in ihnen mit größerem Einsatz nach der Wahrheit strebt."

Wenn das heute einer sagen und beherzigen würde! Schulen sind wichtiger als Kirche und Regierung zusammen! Unzählige Universitäten und Stadtschulen hat er gründen helfen oder neu geordnet, auch die Hohe Schule in Jena zeigt seine Spuren. Sie alle sollten zur Klugheit und Weisheit führen. Auch damit der unkluge Streit unter Brüdern und Schwestern ein Ende findet.

So bekam der Griechischdozent seinen Beinamen: Lehrer der Lehrer in Deutschland. Als solcher entwickelt Melanchthon sozusagen auch Lehrpläne und Lehrbücher. Seine "theologischen Entwürfe", die "Loci", fassen zusammen, was die neue Lehre der Reformation ausmacht. Sie werden schnell berühmt, oft gedruckt und helfen vielen, in Glaubensfragen klarer zu denken.
"Wer die Bibel und das Lehrbuch des Melanchthon fleißig und gründlich liest," meint Luther selbst, "der ist ein Theologe, dem weder der Teufel noch ein Ketzer etwas abbrechen kann".
Auch bei der Bibelübersetzung hat der Sprachlehrer seinen Freund Luther unterstützt. Denn, das ist Beiden klar gewesen: Die deutsche Bibel ist ein grundlegender Beitrag zur Bildung. Jeder Mensch sollte selbst lesen und prüfen können, was in der Heiligen Schrift steht.

Der Lehrer der Lehrer wird so auch Evangelist - und mit Rat und Tat gefragt, nicht nur in Deutschland. In aller Welt tauscht sich Melanchthon mit vielen, vielen Menschen aus. 10.000 Stücke umfasst sein bis heute erhaltener Briefwechsel.
Und er reist umher, vertritt in vielen Verhandlungen die evangelische Seite und versucht, verfeindete Parteien zu versöhnen. Mit viel Mut, Langmut und -- langem Atem.
Wir wissen, wie sehr er unter dem Streit der christlichen Brüder gelitten und sich nach Frieden gesehnt hat. Unsere Welt braucht bis heute solche Lehrer, Evangelisten und Friedensstifter wie Melanchthon. Für ihn war das Lernziel für alle: Genau hören, was andere meinen. Genau denken. Und dabei eines nie vergessen: Gott wird das letzte Wort haben, nicht wir!

Was Paulus schreibt, hat Melanchthon befolgt: Geht im Streit sorgfältig miteinander um. Verurteilt nicht so schnell, richtet nicht, sondern richtet euch auf ein gemeinsames Ziel. Das gilt in der Familie, in der Kirche, in der Politik, wie beim Streit um die richtige Schule für alle Bürgerinnen und Bürger und seien sie noch so klein und noch so fremder Herkunft. Wie gut kann das werden. Altbewährtes und notwendig Neues für Bildung des Verstandes und für Herzensbildung. Es geht um die Kinder, um die Zukunft der einen Welt. Wir brauchen Menschen, die mündig sind, konfliktfähig und die verzichten können. Menschen, die glauben, lieben und hoffen können. Das ist unser Bildungsauftrag - gerade als Christen. Melanchthon erinnert uns daran: "Den Schulen gebührt der Vorrang..."

Und der Friede Gottes, der Vernunft, Glauben und Tun umschließt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen



Zitat

"Der Prediger steige auf die Kanzel, öffne seinen Mund, höre aber auch wieder auf."
Martin Luther


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