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Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 11. Juli 2010

(11.07.2010) — Landesbischöfin ilse Junkermann

im Gottesdienst zur Eröffnung der LWB-Jugendvollversammlung in der Dreikönigskirche in Dresden

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Hört den Predigttext aus Römer 6, die Verse 3 bis 5:
3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund Deinen Ruhm verkündige. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Hier in Mittel- und Ostdeutschland gibt es viele alte Kirchen. Sie stammen aus der Zeit der Romanik. Man kann sie gut erkennen an ganz bestimmten Kennzeichen: der Turm steht immer im Westen. Denn vom Westen, so glaubten die Menschen damals, kamen die bösen Geister. Vom Osten her kommt das Licht, im Osten wohnt Gott. Vom Osten her wird am Ende der Zeiten der wiederkommende Herr Jesus Christus kommen. ihm gegenüber sind seine Gegenspieler. Der hohe Turm soll die bösen Geister aufhalten und eine große hohe Mauer gegen sie bilden, dass sie nicht in das Haus Gottes kommen.

Aber im Westen ist auch die Tür für die Menschen, wenn sie in die Kirche hinein gehen. Und da, da ist die Gefahr groß, dass mit ihnen doch die bösen Geister hineinschlüpfen.

Deshalb stand noch im Turmraum innen sofort ein großer Taufstein. In den Kirchenraum hinein durfte nur, wer getauft ist. Vor der Taufe schwört der Mensch allen bösen Geistern und Dämonen ab, zum Zeichen dafür spuckte er nach Westen. Und in der Taufe werden die bösen Geister, die einen Menschen befallen und über ihn herrschen, ertränkt und vernichtet. Und der getaufte Mensch hat nur noch einen Herren: Jesus Christus.

Heute lächeln manche über diese alte Vorstellung. Doch: in dieser Architektur ist das, was Paulus an die Römer schreibt über die Taufe, in Stein gebaut und angeordnet: Wer getauft wird, stirbt einen Tod. Die alten Taufsteine können wir heute noch sehen. Sie waren so groß, dass ein kleines Kind darin ganz untergetaucht werden konnte. Taufen, das heißt im Urtext: baptizein - untertauchen. Und das heißt sterben.

Der Tod, das ist ein Sklavenhalter. Er knechtet die Menschen und herrscht über sie. Er hat viele dienstbare Geister. Jesus hat sich der Sklaverei des Todes unterworfen. Er ist gestorben und begraben. Gott hat ihn daraus befreit. Wenn ich in seinen Tod getauft bin, sterbe ich mit Jesus. Sein Tod ist mein Tod. Und sein Grab ist mein Grab.

Wer getauft ist, hat also seine Beerdigung schon hinter sich. Er steigt aus dem Wasser zu einem neuen Leben. Er trägt ein weißes Gewand zum Zeichen für dieses neue Leben. So schreibt Paulus: "So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, (wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters,) auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Seit unserer Taufe hängen wir an Jesus, dem Auferweckten und Lebendigen, dran. Er ist der Herr der Welt, den der lebendige Gott aus dem Tod geholt hat. So ist sein Tod auch mein Tod. Gott hat ihn zum Stellvertreter für Dich und mich gemacht. Das ist allein Gottes Tat und Gnade - dass er für Dich und für mich einen solchen Stellvertreter gibt.

So bist Du ein neuer Mensch, so bin ich ein neuer Mensch. So bist du durch die Taufe ein anderer Mensch, so bin ich durch die Taufe ein anderer Mensch: du lebst nicht mehr auf dich bezogen mit Dir allein in Selbstgerechtigkeit und Selbstbezogenheit. Und ich lebe nicht mehr auf mich bezogen mit mir allein in Selbstgerechtigkeit und Selbstbezogenheit. Martin Luther hat dafür ein schönes Bild: der Sünder ist ein Mensch "incurvatus in se" - ganz in sich hineingeschlungen und -gekurvt und -gekrümmt, ganz für sich und abgeschlossen. Die Taufe richtet uns auf. Sie macht uns zu aufrechten Menschen. Sie macht uns zu aufrechten Menschen, die nur einen im Blick haben: Jesus. Wir sind mit ihm verbunden, wir leben "in Christus", so die berühmte Formulierung von Paulus. Mit ihm in Gemeinschaft leben wir. Und in der Gemeinschaft mit ihm gilt die Gemeinschaftsgerechtigkeit.

Das ist das Ziel der Taufe in den Tod: damit wir auch in einem neuen Leben wandeln - gemeinsam mit ihm, nicht mehr einsam mit uns, und v. a.: nicht mehr unter der Knechtschaft des Todesgeistes. Christus ist mein einziger Herr im Leben und im Sterben.

Das neue Leben zeigt sich in einem neuen Lebenswandel. Ein Getaufter ist ein neuer Mensch, der sich ganz nach den Geboten und Weisungen seines Herrn richtet. Und dieser Herr ist ein Herr, der Leben will und nicht Tod. Deshalb gehört bis heute zu jeder Taufe: die Absage an den Satan und alle Dämonen und das Bekenntnis allein zum Dreieinigen Gott. Mit diesem Bekenntnis sagen wir "ja" und stimmen zu, dass wir uns allein diesem Herrn unterstellen und nach seinen Geboten leben wollen. Mit der Taufe erklären wir öffentlich, dass wir nicht mehr der Sünde und dem Tod dienen wollen.

Unsere Welt braucht solche Menschen, die im Dienst des Lebendigen und des Lebens stehen, so sehr. Denn der Tod und seine dienstbaren Geister herrschen allüberall. Solcher Sündendienst und Todesdienst heute hat viele Gesichter:
Wie viele Millionen Menschen arbeiten für totes Geld, für Werte, die nur auf Papier geschrieben sind, für Werte, die nur als Zahlen in die weltweiten Netze eingegeben und groß und größer werden, bis die große Blase platzt? Und dann reißt dieses Platzen der Blase viele Unschuldige mit sich in den großen Schlund.

Nach dem Unicef-Report 2010 bedeutet die Finanzkrise, dass die Zahl der hungernden Menschen weltweit auf über eine Milliarde gestiegen ist, allein in diesem Jahr werden weitere 64 Millionen Menschen dazu kommen. Vor allem Kinder und Jungendliche sind bedroht und betroffen. Wir essen das Brot von morgen, wir essen ihr Brot.

Und die Klimakrise bedeutet: wir atmen und verbrauchen die Luft, die unsere Kinder und Jugendlichen in der Zukunft brauchen. Ein verheerender Sündendienst: Eltern sorgen nicht mehr für ihre Kinder vor. Eltern verbrauchen heute für sich, was ihren Kindern morgen zusteht und was diese elementar zum Leben brauchen.

Oder, ein anderes Beispiel für Sündendienst und Herrschaft des Todes heute, ist der Handel mit Hybridsamen. Mit diesen Samen wird Leben produzierbar, wie ein Maschinenprodukt. Denn den Samen wird die Kraft genommen, die in ihnen steckt, die Kraft, Leben aus sich heraus weiterzugeben. Es ist toter Same, der nur einmal Frucht bringt und nicht wieder selbst Same werden kann. So kann er nur vom Konzern produziert und verkauft werden kann. Und die Bäuerinnen und Bauern werden abhängig und damit Sklaven der Konzerne, die immer neu den Samen kaufen müssen. Sie sind nicht mehr lebenskundige Menschen, die mit dem Geheimnis des Lebens umgehen können in Werden und Vergehen, in Leben, Sterben und Neu leben.

Unsere Welt braucht Menschen, die im Dienst des Lebendigen und des Lebens stehen, so sehr. Sie braucht Menschen, die sich in den Dienst dessen stellen, der von sich sagt: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben." Ihm nachfolgen - das ist "in einem neuen Leben wandeln."

In lutherischen Kirchen steht der Taufstein nicht mehr im Westturm. Martin Luther hat den Taufstein nach vorne geholt, in die Nähe zum Altar und in die Mitte der Gemeinde.

Das bedeutet zweierlei:
Zum einen: Die Macht der Sünde holt uns immer wieder ein. Die Taufe gilt ein für allemal. Doch mit ihr leben wir noch nicht als Auferstandene. Die Taufe ist ein Herrschaftswechsel. Mit diesem Herrschaftswechsel beginnt ein lebenslanger Kampf. Deshalb müssen wir, wie Martin Luther es sagt, täglich aus der Taufe kriechen. Wenn wir verzweifelt sind, wie wenig wir im neuen Leben zustandebringen, wenn wir verzweifelt sind, wie wir immer wieder uns einfangen lassen von den Mechanismen des Todes, von Marktgesetzen, von den Verführungen des Wohlstands, von meinem guten Leben auf Kosten meiner Geschwister, wenn wir darüber verzweifelt sind - sollen und können wir uns immer wieder erinnern: ich bin getauft. Martin Luther hat dies in den vielen Anfechtungen, denen er ausgesetzt war, getan: immer wieder aufgeschrieben diesen einen Satz: "Ich bin getauft!" Gott ist gnädig, Gott bleibt gnädig. Auch wenn ich zu kämpfen habe.
Ja, mit der Taufe beginnt der Kampf. Und immer wieder kann ich und sollen wir uns an unsere Taufe erinnern und uns am Tisch des Herrn stärken lassen für diesen Kampf.

Und zum zweiten bedeutet der Taufstein vorne beim Altar: Die Taufe geschieht im Angesicht der Gemeinde! Wer getauft wird, kommt in eine neue Gemeinschaft auch mit den anderen Getauften. Welch ein großes Glück, dass uns weltweit die Gemeinschaft in diesem einen Herrn und in einem Glauben und in einer Taufe verbindet. Welch ein großes Glück, dass wir diese Gemeinschaft in den nächsten Tagen teilen können! Dass wir aneinander Anteilnehmen und aufeinander hören und miteinander sprechen können. Welch ein Glück, dass wir uns miteinander stärken lassen; dass wir uns bestärken lassen, auch in einem neuen Leben zu wandeln. Damit die Welt hört: eine andere Herrschaft ist schon angebrochen ist. Mit unserem Lebenswandel wollen wir dem lebendigen Herrn und dem Leben dienen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.



Zitat

"Der Prediger steige auf die Kanzel, öffne seinen Mund, höre aber auch wieder auf."
Martin Luther


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