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Vortrag von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 20. Mai in Halle

(20.05.2010) — Landesbischöfin Ilse Junkermann

anlässlich 300 Jahre Cansteinsche Bibelanstalt in Halle.

Die Bibel verändert: die Kirche

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder!

Ohne Zweifel: unsere Kirche ist verändert. Aus der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen und der ehemaligen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen ist die Evang. Kirche in Mitteldeutschland geworden. Seit bald eineinhalb Jahren ist also unsere Kirche verändert. Aber: steckt hinter dieser Veränderung die Bibel? Kann man dies guten Gewissens sagen? Sind es nicht viel mehr ökonomische Gründe, die zu dieser großen Veränderung geführt haben?

Denn die Ökonomie ist ja die alles in unserer Gesellschaft und Welt bestimmende Macht geworden, also auch in unserer Kirche!? Nicht von ungefähr und ganz bestimmt nicht ohne Grund ist im letzten Jahrzehnt von der Ökonomisierung aller Lebensbereiche die Rede (bzw. "Monetarisierung der Lebenswelt", Jürgen Habermas).Und es ist ja tatsächlich auch so: in den Blick und unter die Maßstäbe der Ökonomie sind in den letzten Jahren Lebensbereiche gekommen, die zwar - wie fast alles in unserer Welt - auch einen ökonomischen Aspekt haben, die aber, wenn sie durch diesen ge-maß-regelt werden (wenn sie nach deren Maßstäben die Regeln aufgedrückt bekommen, dann) ihren spezifischen, eben nicht mit den Regeln und Maßstäben der Ökonomie oder gar der Monetarisierung erfassbaren Charakter verlieren. Fast alle Lebensbereiche brauchen den Dienst der Ökonomie. Wenn in ihnen allerdings ökonomische Aspekte die Oberhand gewinnen und aus dem Dienst eine Herrschaft wird, verlieren sie ihren Charakter. Zu diesen Bereichen, die nach meiner Überzeugung den Dienst, aber nicht die Herrschaft der Ökonomie brauchen, gehören u. a. der Bereich der Bildung, der Bereich des Rechts und der Rechtsprechung, der Bereich der Religion, der Bereich der Gesundheit und nicht zuletzt auch der Bereich der Politik. Alle diese Bereiche drohen mehr oder weniger unter dem dominanten Blickwinkel vornehmlich ökonomischer Grundsätze in ihrer Sinnhaftigkeit und in ihrer Lebensdienlichkeit und in ihrer Menschenfreundlichkeit beschnitten wenn nicht ad absurdum geführt zu werden. Was nützt z. B. eine Fallpauschale, die in der ökonomischen Gesamtrechnung angemessen kalkuliert ist und aufgeht, die aber dem, was der einzelne Patient braucht, nicht die angemessene Behandlung gewährt bzw. ermöglicht?

Was nützt eine Kirche, die gut strukturiert aufgestellt ist und sich ökonomisch gesehen rechnet, jedenfalls nicht Insolvenz anmelden muss, wenn der Glaube in ihr eingeschlafen ist, wenn das Glaubenszeugnis in Wort und Tat farblos bis nichtssagend wird - weil es vorgegebenen Formeln und Formen folgt, weil Menschen sich nicht mehr angesprochen fühlen und ermahnt und getröstet in ihrem konkreten Leben mit ihren konkreten Fragen, Freuden und Lasten - und weil sie selbst deshalb auch nicht von der Frohen Botschaft Angesprochene sind und diese so weitergeben können?

Glauben rechnet sich grundsätzlich nicht. Auch Kirche rechnet sich nicht. Und auch Kirchensteuer - das ist kein Mitgliedsbeitrag, für den ich angemessener Weise eine bestimmte Leistung in einer bestimmten Qualität erwarten kann. Kirchensteuer ist vielmehr mein Beitrag dazu, dass Kirche ihren Auftrag im Dienst an anderen tun kann.
Schon dieses Beispiel zeigt, wie leicht Grundsätze aus der Ökonomie in der Kirche und unter Gläubigen Einzug halten können, ohne dass dies besonders thematisiert wird. Und dieses Beispiel zeigt, dass Kirche so in der Welt und in ihrer Zeit lebt, dass sie immer wieder die Veränderung hin zur Kirche Jesu Christi mit dessen Regeln und Maßstäben braucht. Wir wissen zwar: Glauben kann auch nicht durch irgendeinen Input erzeugt oder gezielt verstärkt werden. Dennoch: es gibt unzählig viele Programme von Gemeindeaufbau, Gemeindeentwicklung, Kirchenreform usw., die versucht sind, Kirche zu machen. Ihnen ist kritisch das Wort von Martin Luther aus seiner zweiten Invokavitpredigt in Wittenberg vom 10. März 1522 zu Gehör zu bringen. Er predigte damals den eifrigen Wittenberger Reformern:
"Ich kann nicht weiter kommen als zu den Ohren, ins Her kann ich nicht kommen. Weil ich den Glauben nicht ins Herz gießen kann, so kann und soll ich niemanden dazu zwingen oder dringen; denn Gott tut das alleine und macht, dass das Wort im Herzen lebt. Darum soll man das Wort frei lassen und nicht unser Werk dazu tun. Wir haben zwar das Recht des Wortes, aber nicht Ausführungsgewalt. Das Wort sollen wir predigen, aber die Folge soll allein in Gottes Gefallen sein."
Und, ein paar Abschnitte weiter:
"Summa summarum: Predigen will ich's, sagen will ich's, schreiben will ich's. Aber zwingen, mit Gewalt dringen will ich niemanden, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden. Nehmt ein Beispiel an mir. Ich bin dem Ablass und allen Papisten entgegengetreten, aber mit keiner Gewalt; ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philipp Melanchthon und mit Amsdorf getrunken habe, soviel getan, dass das Papsttum so schwach geworden ist, dass ihm noch nie ein Fürst oder Kaiser soviel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan. Das Wort hat es alles bewirkt und ausgerichtet."

Die Reformation ist eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, wie die Bibel die Kirche verändert.
Allerdings, so müssen wir sofort fragen: Ist es die Bibel? Ist dies richtig, angemessen formuliert, wenn wir sagen "Die Bibel verändert"? "Das Wort hat es alles bewirkt und ausgerichtet", so Martin Luther.

Mir ist es ein Anliegen, diese beiden zu unterscheiden, auch wenn sie ohne Frage ausschließlich aufeinander bezogen zu denken sind: die Bibel und das Wort.
Denn: die Bibel muss hörbar und verstehbar sein. Ja, sie muss überhaupt und zu aller erst Menschen zugänglich sein, so dass sie sie erwerben können. Dies feiern wir ja in diesem Jahr und mit dieser Reihe: dass Carl Hildebrand Freiherr von Canstein im Jahre 1710 im Zusammenwirken mit August Hermann Francke die erste Bibelanstalt gegründet hat - mit dem Ziel, Bibeln schnell, in hoher Auflage und zu einem für breite Schichten erschwinglichen Preis zu drucken!

Die Bibel also muss zugänglich sein, in dem Sinn, dass Menschen sie überhaupt erwerben können. Dann muss sie zugänglich sein in dem Sinn, dass sie hörbar und verstehbar ist. Sie muss in Worten, also mündlich oder schriftlich ins aktuelle Leben über-setzt werden. "Das Wort muss an die Ohren kommen", sagt Martin Luther. Und dann, dann bedarf es des unverfügbaren Geistes Gottes selbst, der das Wort wie einen Samen in die Herzen fallen lässt, der mit diesem Wort bis zum Herzen eines Menschen vordringt. So, dass Menschen von diesem Menschen anvertrauten Wort angesprochen werden und sich von ihm durch den Geist im Herzen berühren lassen. Und dies "im Herzen berührt werden" meint ja nichts anderes als: sich verändern zu lassen. Sich ansprechen lassen - d h.: sich verändern lassen. (dazu später noch mehr!)

Die Bibel also verändert - ohne Frage. Und, das ist das zweite: Die Bibel verändert, wenn sie lebendiges, gesprochenes Wort wird.
Und dann verändert sie nicht (nur) einzelne Menschen, dann verändert sie die Kirche. Und dann verändert sie die Welt. Denn das, was sie zu sagen und zu verkündigen hat, das ist der Herrschaftsanspruch Jesu Christi auf seine Gemeinde, die nur im Plural, nie im Singular zu haben ist. Er spricht und gibt sich in Wort und Sakrament immer einer Gemeinschaft von Versammelten, eben um sein Wort und Sakrament Versammelten. Schon dies verändert: dass Menschen sich nicht wie zu einem Vereinszweck, um eines Interesses oder einer Sache willen versammeln, ganz nach der Regel: "gleich und gleich gesellt sich gern". Vielmehr: dass sich ungleich zu ungleich, verschieden zu verschieden zueinander gesellt, das kann nur geschehen, weil ein Geist und ein Herr und ein Gott in dieser Verschiedenheit wirkt (1. Kor 12, 4ff, Predigttext von Pfingstmontag 2010) und eben diese Verschiedenheit für die so unterschiedliche Welt und Kulturen braucht. Das Pfingstfest erinnert uns daran, in welcher Vielfalt und Unterschiedlichkeit uns Gott braucht. Eine große Wirkung von Veränderung in einer Welt der Massenproduktion und Monokulturen!

Und das, was Kirche zu sagen und zu verkündigen hat, ist der Herrschaftsanspruch Jesu Christi auf die ganze Welt, nicht nur auf seine Gemeinde allein, vielmehr dieser ist von der Kirche zu verkündigen und zu bekennen. Alle Gewalt im Himmel und auf Erden ist ihm gegeben. Auch dieses Wort: eine starke Veränderungskraft in einer Welt, in der viele Herren sein wollen und mit Macht und Gewalt auch sind.

So ist eine Kirche, die in diesem reformatorischen Sinn Kirche ist, gar nicht anders denkbar als veränderliche Kirche. Sie ist nicht anders denkbar als als zu verändernde Kirche und sie ist nicht anders denkbar als als veränderbare und zu Veränderung rufende Kirche. Die Kirche ist selbst "nur", d. h. ausschließlich in ihrem Kern und Wesen ein Geschöpf des Wortes Gottes. Nicht sie hat das Wort oder die Bibel. Vielmehr: das Wort ergreift und hat die Kirche unter seiner Herrschaft, das Wort soll die Kirche regieren. Es ist die richtige Reihenfolge: Die Bibel, das Wort verändert: auch die Kirche.

Ja, schön wärs, mögen Sie jetzt denken - wenn das gelänge! Das sind - hoffentlich! - theologisch saubere und einleuchtende Sätze - wie aber sieht es mit der Wirklichkeit aus? Regiert wirklich das Wort in unserer Kirche, auch in unserer Evang. Kirche in Mitteldeutschland? Regieren nicht bestimmte Gruppen? Menschen? Menschlicher Machtwille und obrigkeitliches Machtgebaren? Traditionen? Gewachsene Verhältnisse? Die Ökonomie?

Im Brief der beiden Bischöfe Axel Noack und Prof. Dr. Christoph Kähler, der zum Kalenderjahresbeginn 2009 an alle Kirchengemeinden ging, heißt es u. a.:

"Über ein Jahrzehnt lang haben wir in Synoden, Ausschüssen und Arbeitsgruppen gemeinsam darüber nachgedacht, unter welchen Bedingungen wir den Auftrag, den der Herr seiner Kirche gibt, heute und in Zukunft angemessen erfüllen können. (Stationen auf diesem Weg seit dem ersten Sondierungsgespräch am 17. November 1997 waren Regelungen über eine verbindlich strukturierte Kooperation im Dezember 2000, die 2004 gebildete Föderation Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland und der 2006 begonnene Verfassungsprozess für eine vereinigte Kirche.)

Aus unserer Bekenntnistradition wissen wir, dass es zur wahren Einheit der christlichen Kirche genügt, "dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden." (Augsburger Bekenntnis, Art. 7).

Im Prozess der vergangenen 10 Jahre haben wir erfahren, wie wertvoll uns die eigenen Traditionen und regionalen Besonderheiten geworden sind. Gleichzeitig haben wir auch entdeckt, wo wir mit Gewohnheiten auch Vorurteile entwickelt haben. Manchmal ist es uns schwer gefallen, einander zu verstehen und den gemeinsamen Weg zu finden.
Andererseits hat uns auf diesem Weg die Hoffnung getragen, dass es Christus ist, der seine Gemeinde "in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammelt, schützt und erhält" (Heidelberger Katechismus, Frage 54). Aus dieser Hoffnung wurde uns die Kraft geschenkt, die äußeren Strukturen von Kirche und Gemeinde immer wieder neu zu hinterfragen.

Mit der Bildung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland haben wir eine entscheidende Etappe für die Neustrukturierung unseres Dienstes zum Ziel geführt. Jetzt wollen wir unsere Bemühungen mit neuen und gesammelten Kräften auf die Frage konzentrieren, wie wir gemeinsame durch das Leben in unseren Kirchengemeinden und Kirchenkreisen den Menschen die Liebe Gottes nahe bringen können. Dazu sind wieder Ihre kritischen und richtungsweisenden Stimmen entscheidend. Wir können unseren Auftrag als Kirche erfüllen, wenn wir im lebendigen Gespräch der verschiedenen Bereiche miteinander nach Wegen suchen. Dabei wissen wir, dass wir aus eigener Kraft Kirche nicht "bauen" können, weil der Herr selbst seine Kirche geschaffen hat und am Leben erhält. So sind wir befreit, sein lebensspendendes Wort in der Welt hörbar werden zu lassen durch die vielen Möglichkeiten, die wir als Kirche in der Gesellschaft haben. Auf diesen gemeinsamen Weg freuen wir uns."

In diesem Brief an die Gemeinden wird deutlich und deutlich benannt: es gibt auch Gegenkräfte gegen Veränderung. Es gibt Gegenkräfte, die zur Fessel werden können, wie Traditionen oder Bilder voneinander.
Und ein Zweites wird in diesem Brief deutlich: Veränderung um der Veränderung - das ist nicht das Anliegen. Vielmehr:
Es geht darum, "den Auftrag, den der Herr seiner Kirche gibt, heute und in Zukunft angemessen erfüllen können".

Mit diesen harten strukturellen Veränderungen, sehr geehrte Schwestern und Brüder, sollte die Kirche leichter werden. Damit sie nicht weiter damit beschäftigt ist, wie sie sich selbst erhalten kann, wenn die Mittel und die Menschen so viel weniger werden. Damit sie von überlebten Strukturen befreit leichter dem Wort ihres Herrn aus der Bibel folgen kann: gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Diese Veränderung, liebe Zuhörerschaft, war eine notwendige und zu Teilen sehr sehr schmerzhafte. Auch heute flammt dieser Schmerz immer noch wieder einmal mehr und auch weniger auf. Das ist der Grund und der Impuls zu Veränderung: dass Kirche sich selbst erinnert, sich durch Gottes Wort erinnern lässt: sie ist nicht um ihrer selbst willen da, sie ist auch nicht Kirche, wenn sie möglichst groß ist, sie ist allein dazu da, ihren Auftrag zu erfüllen. Und dafür braucht sie "leichtes Gepäck", dafür braucht sie Offenheit, sich selbst vom Wort bewegen zu lassen und sich nicht an Traditionen zu klammern.

Und das ist schwer, sehr schwer. Denn diese Beweglichkeit, diese Veränderungsbereitschaft, dies widerspricht der abendländischen Kultur der Selbststeuerung und dies widerspricht dem abendländischen Ideal der Selbstbehauptung und diese widerspricht dem abendländischen Ziel der Selbsterbauung. Kirche steht im Widerspruch dazu: sie bekennt sich zur "Fremdsteuerung" durch ihren Herrn und sein Wort - im Widerspruch zur Selbststeuerung. Und sie bekennt sich im Widerspruch zur Selbstbehauptung dazu, aus sich herauszugehen und sich aufzugeben und immer wieder neu schaffen und formen zu lassen durch das Wort, damit sie ihrem Auftrag in veränderter Situation gerecht werden kann. Und zum dritten steht sie im Widerspruch zur abendländischen Kultur darin, dass sie im Widerspruch zur Selbsterbauung und Selbst-Auferbauung behauptet: Nur die Liebe (Gottes) zählt, Leistung lohnt sich nicht vor Gott. Nur die Liebesbeziehung Gottes kann einen Menschen, kann die Kirche tragen und erhalten - und keine noch so tollen Taten, Werke und Krafterweise.
Hinter der Ökonomisierung und Monetarisierung steht und steckt nichts anderes als Leistungsdenken und Werkegerechtigkeit.

Damit Kirche so veränderungsbereit ist und immer wieder wird, muss sie selbst eine Hörende bleiben. Denn:
Auf das Hören kommt es an - wer hört, ist bereit zu Veränderung. Dies wird deutlich, wenn wir
das Ideal, mit dem Hören zu Veränderung bereit zu sein, mit dem Ideal des Abendlandes vergleichen. Diese beiden Bilder stehen im Widerspruch und bauen ein Spannungsfeld auf. Denn: wenn ich höre, dann höre ich ja auf jemanden oder etwas anderes - und gebe meine Souveränität dabei auf. Das abendländische Ideal ist: zwar anderes hören wollen - aber auf keinen Fall sich von seinem Weg abbringen lassen wollen, außer: es dient dem selbst gesteckten Ziel. In der Erzählung von Odysseus, wie er als einziger Mensch dem schönen Gesang der Sirenen widerstehen kann, haben wir dieses Ideal sehr anschaulich vor Augen. Odysseus weiß, dass die Sirenen mit ihrem wunderschönen Gesang die Menschen von ihrem Seeweg weg- und zu sich locken. Erfahrene Seeleute meiden deshalb die Nähe zur Insel der Sirenen überhaupt und verzichten auf den schönen Gesang. Aber Odysseus will diesen legendär schönen Gesang hören. So lässt er zum einen die Ohren seiner gesamten Schiffsmannschaft mit Wachs verschließen und gibt den Kurs vor. Sie sollen auf keinen Fall vom Weg und vorgegebenen Ziel abweichen. Und zum anderen lässt er sich selbst - ohne Wachs in den Ohren - an den Mast des Schiffes fesseln. So kann er den schönen Gesang hören und zugleich kann er auf keine Weise bewirken, dass sein Schiff in die Fänge der Sirenen gerät.
Und sein Plan gelingt: Er kann hören - und hält zugleich seinen Kurs bei. Er ist einer, der weiß, wo er hin will und sich eben von diesem Ziel nicht abbringen lassen will. Das ist das Ideal des abendländischen Menschen bis heute: souverän bleiben, seine Ziele verfolgen, nicht sich abbringen lassen. Der Preis dafür ist hoch. Der Preis ist, dafür gefesselt sein: die eigene Bewegungsfreiheit und die eigene Beweglichkeit aufgeben. Freiheit um des Preis des Gefesselt-Seins. Ich kenne keine Geschichte, die eindrücklicher und anschaulicher schildert, in welchem Dilemma sich unsere gesamte abendländische Kultur befindet. Die Zielformulierungen, die aus dem Bereich der Ökonomie in viele Bereiche eingedrungen sind und sich einen Platz erobert haben - verhindern sie nicht geradezu in vielen Bereichen, dass dort geschehen kann, was Menschen hilft und dient. Ich denke an die Fesselung unseres Gesundheitssystems. Ich denke an die Lernzielbeschreibungen von Modulen an Universitäten und von Lerneinheiten an Schulen. Ist Krank- und Gesundheitsein nicht ebenso ein offener Prozess wie Bildung? Ein Prozess, der zwar durch Impulse beeinflusst werden kann, ja, sogar muss - der aber nicht zielgerichtet gesteuert werden kann. Weil Menschen eben keine Maschinen sind, weil Menschen eben so individuell und verschieden sind, dass kein umfassendes System sie erfassen kann!

Ich schildere dieses abendländische Ideal der zielgerichteten und zielorientierten Souveränität so ausführlich , weil es den aktuellen und aktuell zugespitzten Kontext bildet für das Ideal und Menschenbild, das das jüdisch-christliche Denken bestimmt. Das Menschenbild, das uns in der Bibel begegnet und das aus der Bibel heraus in eben diese Welt hinein übersetzt werden soll. Dieses biblische Bild vom Menschen geht davon aus, dass Mensch nicht ohne Gott, die Welt nicht ohne Gottes Reich und Herrschaft vorstellbar und zum Guten lebbar und gestaltbar ist.

Und deshalb gibt es ein Spannungsfeld - zwischen dem, was im Sündenfall erzählt ist als Selbstbehauptungswille und das sich in der abendländischen Kultur manifestiert bis hin zu den totalitären, menschenverachtenden und -vernichtenden Diktaturen des 20. Jahrhundert. - und dem, was in allen folgenden Bundesgeschichten Gottes mit den Menschen in die Beziehung mit Gott ruft. In eine Gemeinschaft, in der Gott jedem gerecht wird und weiß, dass kein Mensch die Wahrheit seines Lebens in sich allein oder gar in seinen Taten finden kann.

Diese Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade und Gottes liebe-voller Zuwendung in Jesus Christus, diese Botschaft ist das Prüfkriterium, ob das Evangelium "rein" verkündigt und die Sakramente "recht" verwaltet werden. Sie ist zugleich der innere Grund zu Veränderung. Warum?
Weil Kirche in dieser Welt in diesem Spannungsfeld ist, ist sie in dauernder Veränderungsnotwendigkeit, will sie Kirche Jesu Christi bleiben. Sie muss sich immer wieder klar machen lassen und darf sich nichts darüber vormachen, dass sie permanent in Gefahr ist, ihren Auftrag zu verfehlen und den Idealen der abendländischen Kultur anheim zu fallen. Was für den einzelnen Menschen gilt, das gilt auch für die Kirche: simul iustus et peccator - zugleich gerechtfertigt und sündig, zugleich Geschöpf des göttlichen Wortes und in Eigensinn und Eigenwilligkeit verhaftet, zu Selbststeuerung, zu Selbstbehauptung und zu Selbsterbauung versucht.

Deshalb verändert die Bibel die Kirche:
Weil und wenn ihr Wort zugänglich, verstehbar und verständlich wird. Wenn das Lebensschaffende des Wortes durch den Geist die Herzen von Menschen berührt, wenn Menschen, so angesprochen, gemeinsam den Weg der Kirche suchen - sich auf den Weg machen, unterwegs bleiben - und getrost Umwege, Straucheln, Fallen riskieren, weil sie wissen: es kommt nicht auf ihr Gelingen an, es kommt darauf an, dass der Herr der Kirche selbst ihr immer wieder mit seinem Wort und Geist aufhilft; dass sie sich immer wieder von seiner lockenden Stimme der Liebe befreien lässt vom Zwang / Druck der Selbstdarstellung und des Selbsterhalts und frei wird, sein veränderndes Wort weiterzusagen und für die Veränderung friedloser und ungerechter Verhältnisse einzutreten.

Ich bin froh und nehme es sehr ernst, dass in der Bischofskette der Evang. Kirche in Mitteldeutschland ein Medaillon ist, das mir bei jedem Anlegen Mahnung und Zuspruch zugleich ist Auf der einen Seite ist die Lutherrose eingraviert und auf der anderen Seite steht: verbum d e i manet in aeternum: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Alles andere vergeht, ist vergänglich und deshalb auch veränderlich. Was für eine Zumutung! Was für eine Zu-Mut-ung!

D. h. für die nächste Wegstrecke unserer Kirche:
Dass eine leichter gewordene Kirche zum Hören kommt; dass die Menschen in ihr Gottes Wort hören, es kritisch erschließen und hörbar machen; dass die Menschen in ihr ihren allgemeinen Priesterdienst wahrnehmen und darin unterstützt werden: dass sie Zeit und Muße und deshalb Freude an Gottes Wort haben; dass sie vorläufige Übersetzungen und Auslegungen wagen und sich dem mutuum colloquium, dem wechselseitigen Austausch stellen.

So verstehe ich den Impuls, den unsere Landessynode in die Gemeinden gibt: "Als Gemeinde unterwegs" - hört sie auf Gottes Wort und folgt ihm. Sie folgt ihm hin zu den Menschen mit der frohen und freimachenden Botschaft, dass Menschen sich nicht selbst erlösen müssen, dass Menschen sich nicht selbst retten können.
Ich hoffe, dass wir dies pflegen, kultivieren können: dass Gottes Wort uns Leben schenkt, dass Gottes Wort unser Leben lebendig macht und stärkt, ja rettet.

Beim eben vergangenen Kirchentag habe ich die schöne Auslegung von Jürgen Ebach zu Gen 9 - der Rettung in der Arche und der Aufrichtung des Bogens gehört. Dort führte er aus: "tewa"- das hebräische Wort für Arche heißt eigentlich "Kasten". Das gleiche Wort wird für den Kasten Noahs verwendet, der Kasten, der gegen Wasser schützt und vor dem Untergang rettet, weil er mit Pech abgedichtet wird. Und ebenso ein solcher Kasten, nur kleiner, aber auch mit Pech abgedichtet, rettet den Säugling Mose vor dem Untergang. Beides Mal ist "tewa" - das, was Leben rettet. Und so ist auch das dritte, was es bezeichnet, lebensrettend, nämlich: Tewa ist auch die Bezeichnung für die Buchstaben, welche in der sog. Quadratschrift, in der die Hebräische Bibel gedruckt ist, eine Kastenform haben. Jeder Buchstabe, die gesamte Schrift - ist lebensrettend und -bewahrend, ist der Kasten, das Körbchen "Bibel".
Die Bibel verändert: die Kirche! Immer zum Leben und lebensrettend, immer unter dem Friedensbogen Gottes. Darauf können wir uns verlassen.

Gottes Geist schenke uns sein Wort, das uns Veränderung zumutet und das mit solchem Mut stärkt und uns frei und gelassen so vielerlei Tun sein lassen lässt und uns öffnet für die und hinlockt zu den schönen Klängen seines Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. Denn das ist sein Reich und das Ziel seiner Herrschaft: das Reich, in dem Friede und Gerechtigkeit sich küssen, die Stadt, in der Gott bei den Menschen sein Zelt aufschlägt - um bei ihnen zu sein, um ihnen beizustehen und mit ihnen zu gehen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!



Zitat

"Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende - und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen."
Mark Twain

"Der gute Redner bewirkt, dass die Menschen mit den Ohren sehen."
Arabisches Sprichwort


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