Rotkehlchenmut
Heute war ich schon sehr früh wach. Etwas hat mich geweckt. Durchs offene Fenster. Irgendwelche Geräusche.
Ich lausche.
Da ist es wieder. Wie schön.
Die Vögel singen vor meinem Fenster. Sie singen vor Sonnenaufgang.
Das ist das Schöne auf dem Dorf.
Ich frage mich: Woher wissen sie eigentlich, wann es soweit ist? Die Sonne ist ja noch nicht zu sehen. Da tickt wahrscheinlich irgendeine biologische innere Uhr im kleinen Köpfchen des frühen Vogels. Ich weiß es nicht.
Was ich aber weiß:
Sie singen. Morgen für Morgen. Etwa eine Stunde, bevor der Tag anbricht.
Sie singen ihr Lied, weil es Zeit ist. Und andere stimmen ein.
Sie erheben ihre Stimme in der Stille.
Und ich weiß, es ist bald Zeit aufzustehen.
Wir brauchen das Signal der früh singenden Vögel, den Rotkehlchenmut.
Dass wir aufstehen und die Stimme erheben.
Ehe es zu spät ist.
Für unser Land.
Für dich und mich.
Für die Nachbarinnen und Nachbarn.
Für die Kinder, die sich frei entfalten sollen.
Für Menschen, die aus der Vergangenheit lernen wollen.
Für das achtsame Miteinander.
Die Vögel singen. Während unten mein Briefkasten klappert. Wer weiß, was da jetzt eingeworfen wurde. Die Zeitung mit schlimmen Nachrichten? Irgendwelche Wahlwerbung? Oder vielleicht ein lieber Brief?
Ja, es ist Zeit.
Danke, Gott, für diese Nacht - und gib mir Kraft aufzustehen mit Rotkehlchenmut.
Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg