Zum 43. Todestag des KZ-Dachau-Überlebenden Walter Gabriel aus Halle: Appell von Katrin Eigenfeld, Dafna Gerstner und Björn Mensing: "Wählt nicht AfD! Schützt unsere solidarische Erinnerungsarbeit!"
Am 27. August 1983 starb in Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Pfarrer Walter Gabriel, der wegen seiner Kritik am NS-Regime fast zwei Jahre im KZ Dachau gelitten hatte. Zu seinem 43. Todestag wenden wir uns kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit einem leidenschaftlichen Appell an die Wählerinnen und Wähler: Wählt nicht AfD! Schützt unsere solidarische Erinnerungsarbeit!
Die rechtsextreme Partei kündigt in ihrem „Regierungsprogramm“ eine radikale Abkehr von der demokratisch verankerten Erinnerungskultur an, der sie fälschlich negative Auswirkungen unterstellt:
„Eine Vergangenheitsbewältigung, die das genaue Gegenteil von Bewältigung ist, nämlich die Verewigung eines Schuldkomplexes, hat mittlerweile dazu geführt, dass Nationalstolz grundsätzlich als anrüchig gilt, die Verteidigung der eigenen Interessen als unanständig wahrgenommen wird und Politiker jede positive Bezugnahme auf unsere reiche Geschichte vor 1933 vermeiden. […]. Die Kulturpolitik muss den Deutschen ihr Selbstbewusstsein zurückgeben. Wir werden durch gezielte Maßnahmen und Bezugnahmen auf die guten Seiten der deutschen Geschichte eine unverkrampfte und auf gesunde Weise selbstbewusste deutsche Identität fördern. […]. Da Kultur in der Bundesrepublik Deutschland Ländersache ist, verfügen wir nach einem Sieg bei der Landtagswahl 2026 über vielfältige Möglichkeiten, unsere kulturpolitischen Vorstellungen umzusetzen.“
Tatsächlich könnte die AfD bei einer Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt den angemessenen (selbst)kritischen Umgang mit der deutschen Geschichte und die solidarische Erinnerungsarbeit mit der Würdigung der Verfolgten in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit massiv beschädigen.
Dr. Kai Langer, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, sagte jüngst in einem Interview, was bei einer AfD-Landesregierung drohe: Die Umsetzung der politischen Forderung der Partei, „sogenannte Gedenkstättenfahrten“ für Schulklassen, die bisher von der Landeszentrale für politische Bildung zu 100 Prozent gefördert werden, zu streichen und stattdessen Fahrten zu Orten zu unterstützen, die für die ältere deutsche Nationalgeschichte von Bedeutung sind. (Frankfurter Rundschau, fr.de, 14.8.2026)
Aber gerade bei qualifizierten Führungen durch Gedenkstätten können Jugendliche am authentischen Ort etwas über das Schicksal der Verfolgten erfahren, in der KZ-Gedenkstätte Dachau etwa über Walter Gabriel, an den wir dort immer wieder erinnern, nicht nur zu seinem 43. Todestag. Er kann für die Jugendlichen so zum Vorbild für Zivilcourage werden. Das war er übrigens von Jugend auf auch für mich, seine Enkeltochter Katrin Eigenfeld. Wegen meines eigenen regimekritischen Engagements wurde ich wenige Tage nach dem Tod meines Opas 1983 verhaftet und in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Halle gesperrt, genannt „Roter Ochse“ – in dem Gefängnis hatte die NS-Justiz mehr als 500 Menschen aus ganz Europa ermordet. Über mich und die anderen politische Gefangenen sowie über die Hinrichtungsopfer erfahren heute Schulklassen etwas bei den Projekttagen in der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale).
Bei einer Regierungsübernahme durch die AfD in Sachsen-Anhalt ist auch die unabhängige Bildungsarbeit an diesem authentischen Ort der Erinnerung an die Opfer politisch motivierter Justiz der Jahre 1933 bis 1945 und 1945 bis 1989 bedroht.
Deshalb: Wählt nicht die AfD! Schützt unsere solidarische Erinnerungsarbeit!
Putbus (Rügen), München und Dachau, 24. August 2026
Katrin Eigenfeld, geboren 1946 als Katrin Gabriel in Halle (Saale), in der DDR aktiv in der sozialdiakonischen Jugendarbeit mit unangepassten Aussteigern, bei den unabhängigen „Frauen für den Frieden“ und in der Initiative Frieden und Menschenrechte. Im September 1989 gehörte sie zu den 30 Erstunterzeichnern des Aufrufs zu einem demokratischen Dialog in der DDR vom Neuen Forum, für das sie im Mai 1990 in den Hallenser Stadtrat gewählt wurde. Seit 1994 lebt sie auf Rügen, wo sie sich weiterhin in der Zivilgesellschaft engagiert. 2020 erhielt die Bürgerrechtlerin das Bundesverdienstkreuz.
Dafna Gerstner, geboren 1984 in Israel, lebt seit 2011 in Deutschland. Am 7. Oktober 2023 überlebte sie bei einem Besuch in ihrem Heimatkibbuz Be'eri das antisemitische Hamas-Massaker nur knapp. Sie nahm im Frühjahr 2026 an einer Schulklassenführung von Björn Mensing durch die KZ-Gedenkstätte Dachau teil. Das motiviert sie zu eigenem Engagement in der Bildungsarbeit dort, auch zur Prävention im Blick auf den wachsenden Antisemitismus, zu dem AfD-Politiker mit ihrer Holocaust-Relativierung beitragen. Ausführlich beschreibt die in München lebende Deutsch-Israelin ihre Eindrücke in Dachau in ihrem Buch „Sie kamen, um uns zu töten – Mein Leben als Jüdin vor und nach dem 7. Oktober“, das am 14. September im Verlag Herder erscheint.
Björn Mensing, geboren 1962 in Lüneburg. Seinem Großvater Konrad Mensing (SPD) nahmen die Nazis im April 1933 seine Stelle als Kommunalbeamter. 1940 wurde er dienstverpflichtet für die deutsche Verwaltung in den annektierten westpolnischen Gebieten („Warthegau“), ab 1942 war er Amtskommissar (Bürgermeister) und zugleich NSDAP-Ortsgruppenleiter in der Kleinstadt Exin (polnisch Kcynia). Björn Mensing reiste 2015 nach Kcynia und fand dort Janina Hemmerling, die mit 12 Jahren Zwangsarbeit im Haushalt der Familie Mensing leisten musste. Er bekundete sein tiefes Bedauern darüber, wie auch über die Verstrickung seines Großvaters in die verbrecherische Besatzungsherrschaft. Seit 2005 hat er als Pfarrer und Historiker an der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau zahlreiche Zeitzeugen kennengelernt und hunderte Schulklassen und andere Gruppen, auch aus Sachsen-Anhalt, über das Gelände der Gedenkstätte geführt.
Kontaktadresse für den Appell:
Kirchenrat Dr. Björn Mensing, Pfarrer und Historiker
Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau
Alte Römerstraße 87
85221 Dachau
Tel. 015 11 / 752 15 06
bjoern.mensing@elkb.de
www.versoehnungskirche-dachau.de