„Es geht um das Grundrecht von Kindern auf Freizeit und Spiel“: Andreas Hesse, Fundraiser der Diakonie Mitteldeutschland, über Armut, Hoffnung und eine Aktion, die seit 20 Jahren wirkt
Wenn Andreas Hesse über Kinderarmut spricht, tut er das ruhig – aber eindringlich. Hesse ist Fundraiser bei der Diakonie Mitteldeutschland und als solcher zuständig für das gemeinsame Spendenbündnis „Hoffnungsengel“ von Kirche und Diakonie in Mitteldeutschland.
Eine der prominentesten Initiativen ist die „Aktion Kindern Urlaub schenken“, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feiert.
„Wir leben in einer Region, in der jedes vierte Kind von Armut betroffen ist“, sagt Hesse. Armut bedeute dabei nicht nur fehlendes Geld. „Armut hat auch immer eine emotionale Komponente. Armut bedeutet ausgegrenzt sein.“
Besonders deutlich werde das im Alltag der Kinder. Hesse nennt ein Beispiel, das ihn immer wieder berührt: „Wir haben es mit Kindern zu tun, die ihre Freundinnen und Freunde nicht zum Kindergeburtstag einladen können – und die dann eben auch nicht mehr eingeladen werden.“ Für Kinder sei das eine belastende Erfahrung. „Sie merken: Ich gehöre hier nicht mit dazu.“
Genau hier setzt die „Aktion Kindern Urlaub schenken“ an. Sie ermöglicht Ferienfreizeiten, Stadtteilangebote oder Reisen mit der evangelischen Jugend für Kinder, deren Familien sich solche Erlebnisse nicht leisten könnten. „Es geht nicht um Luxusreisen“, betont Hesse. „Es geht um ganz grundsätzliche Bedürfnisse von Kindern, es geht um ihr Grundrecht auf Freizeit und Spiel.“
Die Idee entstand vor 20 Jahren – ausgelöst durch eine Geschichte aus der Praxis der Sozialarbeit. Eine Schülerin sollte nach den Sommerferien ihr schönstes Ferienerlebnis beschreiben. Doch sie hatte keines. Also erfand sie eines: „Sie schrieb von Elefantenrennen in Afrika und davon, wie sie mit einer Riesenschlange gekämpft hat“, erzählt Hesse. Die Fantasie des Kindes sei rührend gewesen – zugleich aber ein Zeichen für ein Problem: „Es gibt Kinder, die an Dingen, die für andere selbstverständlich sind, nicht teilhaben können.“ Was damals als zeitlich begrenzte Aktion gedacht war, besteht bis heute. Jährlich werden rund 300.000 Euro gesammelt. Damit konnten allein im Jahr 2025 etwa 5.000 Kinder und Jugendliche unterstützt werden. Für Hesse ist klar: Hinter dieser Zahl stecken viele einzelne Lebensgeschichten. „Das sind 5.000 Mal ein Kinderschicksal, mit dem wir da umgehen.“
Manche dieser Geschichten nehmen eine erstaunliche Wendung. Hesse erzählt von einem Mädchen aus einem schwierigen Stadtteil, das zunächst große Probleme hatte, Anschluss zu finden. Heute betreut sie selbst Kindergruppen und begleitet Freizeiten als Co-Teamerin. „Das sind wunderschöne Entwicklungen“, sagt er.
Solche Erfahrungen zeigen auch, wie wichtig die Zeit außerhalb des Alltags ist. In Freizeiten könnten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter anders mit den Kindern arbeiten: „Das ist eine Zeit, in der wir mit den Kindern mal völlig ohne Druck umgehen können – ohne Hausaufgaben, ohne Klassenarbeit im Nacken.“
Neben Spendenbriefen und Patenschaften gehört auch ein großes Gemeinschaftsereignis zur Aktion: der „Lauf- und Schenke-Benefizlauf“. Hunderte Menschen drehen dabei ihre Runden für den guten Zweck. Für Hesse ist der Lauf mehr als Fundraising: „Es ist immer eine tolle Stimmung – ein kleines Volksfest.“
Trotz gesellschaftlicher Spannungen und Kritik an kirchlichen Institutionen erlebt er weiterhin große Unterstützung. „Ich bin immer wieder überrascht über die große Hilfsbereitschaft und das Vertrauen in Kirche und Diakonie“, sagt Hesse.
Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das die Aktion seit zwei Jahrzehnten trägt – und jedes Jahr tausenden Kindern ein Stück unbeschwerte Ferienzeit schenkt.
Andreas Hesse ist auch Gesprächspartner im EKM-Podcast "gerührt & geschüttelt".
Mehr zum Spendenbündnis "Hoffnungsengel" finden Sie hier: www.hoffnungsengel.de/