„Es muss mehr geben als das, was man messen kann“: Tim Dornblüth, junger Pfarrer und Religionslehrer
Tim Dornblüth nimmt sich Zeit. Auch dann, wenn der Stundenplan voll ist, der Religionsunterricht gerade geendet hat und die nächste Aufgabe schon wartet. „Hektik ist dem christlichen Menschenbild fremd“, sagt er. „Wir haben ja eine Ewigkeit vor uns.“
Wer dem jungen Pfarrer begegnet, spürt schnell: Diese Ruhe ist keine Pose, sondern Haltung.
Im Mai 2023 wurde Tim Dornblüth im Magdeburger Dom ordiniert. Seitdem arbeitet er als Pfarrer in der Landeshauptstadt: in der Trinitatis-Gemeinde sowie in der St.-Briccius- und Immanuel-Gemeinde – und unterrichtet zugleich Religion am katholischen Norbertus-Gymnasium. Ein evangelischer Pfarrer an einer katholischen Schule? Für ihn ist das kein Widerspruch, sondern gelebte Ökumene. „Wenn Menschen in Not sind, ist die Konfession völlig egal“, sagt er. Dann gehe es nicht um Unterschiede, sondern darum, da zu sein.
Da sein – das war auch nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt im Dezember 2024 entscheidend, gerade auch für die jungen Menschen am Norbertus-Gymnasium. „Da war Redebedarf – und auch das Bedürfnis, gemeinsam zu schweigen.“ Zusammen mit der katholischen Kollegin und den Schulsozialarbeitern bot er Gespräche und Gottesdienste an. Besonders eindrücklich blieb ihm die gemeinsame Agape-Feier: Brot teilen, Traubensaft trinken, miteinander aushalten, was nicht zu erklären ist. „In diesem Ritual liegt eine Kraft“, sagt er. „Man merkt: Ich bin nicht allein.“
Vielleicht liegt darin auch ein Schlüssel zu seinem Pfarrberuf. Dornblüth kommt nicht aus einem kirchlichen Elternhaus. Mit 13 ließ er sich taufen, „quer eingestiegen“ in den Konfirmandenunterricht. Was ihn anzog, war kein einzelnes Schlüsselerlebnis, sondern ein Gefühl: „Dass es irgendwie mehr geben müsste in dieser Welt als nur das, was man messen und in Geldwerten ausdrücken kann.“ Die Bibel seiner Großmutter, bodenständig und herzlich, wurde zum Anfang eines Weges.
Dass dieser Weg ins Pfarramt führte, verdankt er – wie er selbst sagt – auch seiner „eigenen Verpeiltheit“. Weil er sich zu spät für ein Konfi-Camp anmeldete, blieb am Ende nur eine Aufgabe: die Predigt. Sie wurde zum Aha-Moment. „Das hat mir so viel Spaß gemacht und ich habe so viel positive Rückmeldung erfahren, dass ich dachte: Das könntest du eigentlich auch beruflich machen.“
Predigen ist bis heute sein Herzstück. Dornblüth erzählt Geschichten – erfundene, aber lebensnahe. Geschichten von Arztbesuchen, Filmabenden, Feiern. Und immer wieder taucht darin Jesus auf. „Ich treffe mich in diesen Geschichten oft mit Jesus“, sagt er und lächelt. Wichtig ist ihm, „dass es authentisch ist, alltagsbezogen – und eine Sprache spricht, die Menschen tatsächlich sprechen“.
Vielleicht trägt er deshalb, wie er selbstironisch sagt, „immer noch ein bisschen Kapuzenpulli unter dem Talar“. Die Form darf sich ändern, die Haltung bleibt: den Menschen zuhören, sie ernst nehmen. „Man muss die Menschen mögen, für die man spricht. Das ist die Grundvoraussetzung. Und ich mag die auch.“
Tim Dornblüth war auch Gesprächspartner im EKM-Podcast "gerührt & geschüttelt".