„Glauben ist nicht unpolitisch“: Katja Albrecht, ehemalige Auslandspfarrerin in Washington
Wenn Katja Albrecht heute über das Gelände des Kloster Drübeck geht, liegt der Harz ruhig und grün vor ihr. Ein weiter Himmel, alte Bäume, Klostersteine, die Geschichten atmen. Und doch ist da noch ein anderer Ort präsent. Washington D.C.
„Manchmal sitzen wir am Essenstisch und sagen: Oh Mensch, jetzt muss ich gerade daran denken“, erzählt sie. Sechs Jahre hat sie mit ihrer Familie dort gelebt, gearbeitet, geglaubt – und Spuren mitgenommen.
Seit dem Sommer 2024 ist Katja Albrecht Rektorin am Pastoralkolleg der EKM in Drübeck. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin, Gleichstellungsbeauftragte, Jugendarbeiterin – und Auslandspfarrerin. Ein Wort, das nach Aufbruch klingt. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt sie über die Zusage für Washington. Beide, sie und ihr Mann, erhielten unabhängig voneinander eine Pfarrstelle. „Dass sich beide Gemeinden für uns entschieden haben – das war schon wirklich eine ganz tolle Erfahrung.“
Ihre Gemeinde lag nur wenige Minuten vom Weißen Haus entfernt. Drei Mal über die Straße, und Weltpolitik war greifbar nah. Doch Katja Albrecht erinnert sich nicht zuerst an Macht und Protokoll, sondern an Menschen. An Gemeindeglieder, die ihre Muttersprache suchten. An einen Chor, an gemeinsames Singen. „Was mir am meisten fehlt, sind die Menschen“, sagt sie leise.
Sie arbeitete in einer zweisprachigen Gemeinde der United Church of Christ – progressiv, offen, gesellschaftlich engagiert. Deutsch und Englisch wechselten sich ab, manchmal mitten im Satz. „Im Englischen bin ich irgendwie freier“, sagt sie. Und doch erlebte sie die Tiefe der deutschen Sprache neu, etwa in der Begleitung Sterbender. „Ein deutsches Vaterunser oder der Psalm 23 – das geht einfach tiefer in der Muttersprache.“ Gerade bei Menschen mit Demenz wurde Sprache zur Brücke, zur letzten vertrauten Insel.
Kirche, das bedeutete in Washington vor allem: aufmerksam sein. Wer kommt? Wer braucht etwas? „Diese Willkommenskultur ist dort nicht nur ein Label, sondern gelebte DNA.“ Menschen begrüßten einander an der Tür, erklärten den Gottesdienst, luden zum Kaffee ein. Manche kamen zufällig vorbei – auf dem Weg zum Weißen Haus. Und blieben.
Politik ließ sich nicht ausblenden. Black-Lives-Matter-Banner an der Kirche, hitzige Debatten, aufgewühlte Zeiten. Für Katja Albrecht war klar: Glauben ist nicht unpolitisch. Predigen heißt für sie, das Gemeinwesen im Blick zu behalten – ohne parteipolitisch zu werden, aber mit Haltung.
Heute bringt sie diese Erfahrungen mit nach Drübeck. In Gesprächen, in Kursen, in die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern. Sie glaubt an eine Kirche, die zuhört, die einlädt, die nicht zuerst fragt, wer dazugehört, sondern wer da ist. „Es ist gar nicht so schwer“, sagt sie. „Man muss sich nur vorstellen, wie es ist, selbst irgendwo zum ersten Mal zu sein.“
Vielleicht ist das ihr roter Faden: Heimat schaffen auf Zeit. In Washington. In Drübeck. Und überall dort, wo Menschen nach Orientierung suchen.
Informationen zum Pastoralkolleg im Kloster Drübeck: https://pk.kloster-druebeck.de/pk/
Katja Albrecht war auch Gesprächspartnerin im EKM-Podcast "gerührt & geschüttelt"