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Menschen in der EKM: Hanna Henke baut Brücken in Halle-Neustadt

Wer das kleine Kirchengelände in Halle-Neustadt betritt, steht plötzlich in einer anderen Welt. Hinter Plattenbauten und Hochhäusern öffnet sich ein ruhiger Hof mit alten Bäumen, einer kleinen Kirche und dem Pfarrhaus. „Manche Neustädter kennen diesen Ort bis heute gar nicht“, sagt Pfarrerin Hanna Henke und lacht. Seit drei Jahren arbeitet sie im Kirchengemeindeverband Emmaus – mitten in einem Stadtteil, über den viele vor allem eines wissen wollen: Was läuft hier schief?

Henke kennt diese Bilder selbst nur zu gut. Aufgewachsen auf der anderen Saaleseite in der halleschen Altstadt, hatte auch sie lange Vorurteile über Halle-Neustadt. „Ich kam mit ganz vielen falschen Bildern hierher – mit der Vorstellung vom Problemviertel“, erzählt sie. Doch die Wirklichkeit habe sie schnell überrascht. „Ich musste erst mal lernen: Das ist nicht einfach ein sozialer Brennpunkt. Das ist vor allem ein Lebensraum.“

Heute schwärmt sie gerade von dem, was andere oft kritisch sehen: die Vielfalt. „In der Altstadt war ich oft nur in meiner eigenen Blase unterwegs. Hier trifft man ständig Menschen anderer Kulturen, Religionen und Denkweisen. Das finde ich total großartig.“

Die Kirche, in der Henke arbeitet, ist selbst ein besonderer Ort. Halle-Neustadt wurde in der DDR bewusst als „Stadt ohne Kirche“ geplant. Die Gemeinde entstand trotzdem – heimlich und mit viel Mut. Ehrenamtliche gingen von Tür zu Tür, verteilten Handzettel und luden Menschen ein. „Die Gemeinde hat sich von unten aufgebaut“, erzählt Henke. Manche Mitglieder erinnern sich noch heute daran, wie nachts Flugblätter im Badezimmer vervielfältigt wurden.

Dieser Geist prägt die Kirchengemeinde bis heute. Viele Menschen, die hier leben, sind irgendwann selbst neu angekommen. Vielleicht erklärt das die Offenheit, die Henke so schätzt. „Es gibt hier eine große Gastfreundschaft gegenüber Menschen, die dazukommen.“

Deshalb versteht sich die Gemeinde nicht nur als Ort für Gottesdienste. Einmal im Monat wird vor der Kirche ein „Langer Tisch“ aufgebaut. Nachbarn trinken Kaffee, reden über Lärm, Müll oder den öffentlichen Raum. Klingt banal – ist aber wichtig. „Die Leute sind es oft gar nicht gewohnt, miteinander zu reden“, sagt Henke. Manchmal brauche es jemanden, der Gespräche moderiert und Verbindungen herstellt.

Für die Pfarrerin gehört das ausdrücklich zum Auftrag von Kirche. „Es ist wichtig, dass Menschen sich auf Augenhöhe begegnen können – unabhängig von Herkunft oder Bildung.“ Gerade in Halle-Neustadt, wo viele unterschiedliche Menschen eng zusammenleben, entstünden schnell Berührungsängste.

Auch politische Spannungen sind spürbar. Die hohen Zustimmungswerte für die AfD beschäftigen die Gemeinde sehr. „Es nimmt massiv zu, dass Familien und Freundeskreise daran zerbrechen“, erzählt Henke. Besonders erschrecke sie, wie stark populistische Inhalte über soziale Medien auf Jugendliche wirkten. Manche Konfirmanden erzählten, dass sie sich in der Schule kaum noch trauten, demokratische Positionen offen zu vertreten.

Die Gemeinde reagiert darauf nicht mit Rückzug. Vor der Europawahl organisierte sie eine Demonstration gegen Rechtsextremismus. Seniorinnen diskutieren in ihren Freundeskreisen, wie sie Haltung zeigen können. „Unsere Normalität ist: Alle Menschen haben die gleiche Würde“, sagt Henke.

Besonders sichtbar wird dieser Ansatz in einem ungewöhnlichen Projekt: einem schlichten Baucontainer mit dem Namen „Out of the Box“. Gemeinsam mit muslimischen, jüdischen und Bahai-Gemeinden entsteht dort ein interreligiöser Lernort. Schulklassen sollen hier erleben, dass Religionen friedlich miteinander leben können.

„Viele Kinder kennen andere Religionen nur aus Vorurteilen“, sagt Henke. Manche muslimischen Schülerinnen hätten sich zunächst nicht einmal getraut, eine Kirche zu betreten. Im Container sollen Fragen gestellt und Unsicherheiten abgebaut werden.

Hanna Henke ist überzeugt: Halle-Neustadt wird oft falsch erzählt. „Es gibt hier so viele positive Geschichten“, sagt sie. Vielleicht beginnt eine davon genau hier – an einem langen Tisch zwischen Plattenbauten und Kirche.

Hanna Henke war auch Gast im EKM-Podcast "gerührt und geschüttelt": www.ekmd.de/podcast

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