Erklärung des Landesbischofs zum 50. Jahrestag der Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz
18.08.2026, 11.45 Uhr, Stele vor der Michaeliskirche Zeitz
Heute vor 50 Jahren ist unser Pfarrer und Bruder Oskar Brüsewitz hier vorgefahren, hat auf dem Dach seines Autos zwei Plakate aufgestellt, auf denen er den Kommunismus anklagte: "Funkspruch an alle ... Funkspruch an alle ,,, Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an, wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen". Dann hat er sich mit Benzin übergossen und sich angezündet. Vier Tage später erlag er im Bezirkskrankenhaus Halle-Dölau seinen schweren Verletzungen, ohne dass ihn seine Familie besuchen durfte.
Sehr bewusst und geplant war sein letzter Weg. Er schnitt alle Rosen im Garten und verteilte sie überall im Haus.1 Ein festliches Frühstück mit der Familie, sein Lieblingslied sollte seine Tochter Esther auf dem Klavier spielen: “So nimm‘ denn meine Hände“. Er schrieb an seine Tochter einen Abschiedsbrief und auch an die Geschwister im Pfarrkonvent. Er hatte begonnen, sein Grab auszuheben, in Rippicha auf dem Friedhof.
In seiner Amtstracht, im Talar (dem „Kleid des Siegers“), wollte er das Zeichen setzen – am 18. August 1976 in Zeitz. Er sah sich als berufener Zeuge, der einen Sendungsauftrag auszuführen habe, nicht als einer, der sich selbst tötete.
Zuerst Entsetzen und Erschrecken natürlich, dann Fragen, kaum aber Erklärungen. Wie sollten die Zurückgebliebenen sich diese Tat auch erklären? Aber Spekulationen kamen schnell auf und Schubladen wurden aufgezogen, in denen der unbequeme Abgang eines unangepassten Bruders verschwinden sollte.
War er ein Prophet? Sein Hang, sich in Zeichen auszudrücken, wie es die alttestamentarischen Propheten taten, scheint dies nahe zu legen.
War er ein Märtyrer? Ein Märtyrer aber erleidet den Tod; er sucht oder er verschafft ihn sich nicht selbst.
War seine Tat (neben dem Fanal gegen die DDR-Regierung) nicht vor allem eben doch ein Suizid? Auch wenn er das so nicht bezeichnen wollte. War die angekündigte Visitation und sein beschädigtes Vertrauen in die Kirchenleitung ein Auslöser für seine Tat? Auch innerhalb der Gemeinde gab es Kritik. Er war enttäuscht. Hatte er den Zenit seines „Erfolges“ überschritten? Waren seine Lebenszeit und er selbst erschöpft?
Ist Oskar Brüsewitz Opfer einer Zersetzungsmaßnahme des MfS geworden (angebliche Brandstiftung seiner Pfarrscheune, anonyme Drohanrufe)?
Ist die Selbstverbrennung seiner Neigung zu extremen Handlungen zuzuschreiben, verbunden mit einer endzeitlichen christlichen Glaubensprägung?
Auch nach 50 Jahren sind die Fragen nach dem „Warum“ nicht eindeutig beantwortet. Einseitige Deutungen werden dem Menschen Oskar Brüsewitz und der Situation nicht gerecht. Und jeder, der ihn kannte, hatte eine eigene Sicht und Anderes zu erzählen. Wir werden auch heute keine konsistente Deutung finden. Es wird ein Geheimnis bleiben.
Dass es keine theologischen Aspekte für diese Tat gegeben hat, die Brüsewitz motiviert haben könnten, will ich jedenfalls ausdrücklich nicht behaupten. Das ist damals sehr schnell Konsens gewesen, weil eine solche Ansicht bequem war. Keiner weiß, inwieweit Brüsewitz durch Dietrich Bonhoeffers Gedanken des „zeichenhaften Handelns“ beeinflusst war. Dass er sich damit noch am Vorabend seiner Tat beschäftigt hat, scheint aber unstrittig. Er schrieb in seinem Abschied an den Konvent, dass „mein Herr und König und General mich zu den geliebten Zeugen berufen hat“. Niemand hat das Recht, auch ich als Landesbischof nicht, die Selbstverbrennung des Pfarrers von Rippicha theologisch abzuwerten. Wir sollten empathisch auf ihn blicken, denn dann sehen wir, dass Sterben für Oskar Brüsewitz nichts Schreckliches war, sondern eben das Gehen zum Herrn und König. Dann war das „Signal von Zeitz“ das Zeugnis seines individuellen Glaubens. Das haben wir als Kirchenleitung noch nie so bekannt. Bis heute.
Oskar Brüsewitz hat überrascht („überrascht“ ist das Wort, das seine Frau nach seinem Tod benutzt hat), überrascht im Alltag und Pfarrdienst mit Aktionen, die außergewöhnlich waren. Man musste etwas übrig haben für derlei „Überraschungen“. Man musste die Lebendigkeit und den Einfallsreichtum schätzen. Oskar Brüsewitz scheute keinen Konflikt. Seine Einfälle erinnern schon an prophetische Zeichenhandlungen. Seine Spontanität konnte begeistern, Kinder und Jugendliche vor allem.
Manche haben seine Einfälle gestört. Insofern war er der „Störenfried“. Aber er wollte auch stören, er wollte aufrütteln und wecken – gegen einen Scheinfrieden und ängstliches Schweigen. „Wer lebt stört.“2 Oskar Brüsewitz lebte intensiv und störte auf, immer unterwegs zu den Menschen, immer mit einer festen Überzeugung im Gepäck. Die wollte er anschaulich vermitteln. Er klagte auch an, was er beklagenswert fand – ob Staat oder auch seine eigene Kirche und die „lauen Christen“. Brüsewitz war nichts für Angepasste, nichts für Halbherzige und nichts für Humorlose.
Die innerkirchlichen Spannungen der 1970er Jahre, die über der Landeskirche lagen, müssen wir heute unbedingt auch aus der schon damals immer offensichtlicher werdenden Minderheitensituation deuten. In dieser Situation waren die Perspektiven der Kirchenleitenden andere als die der Gemeinden und Pfarrkonvente. Während die einen den Gewinn von Spielräumen feierten, wenn die Staat-Kirche-Beziehungen auftauten, erlebten die anderen einen Verlust von Wirksamkeit und Anerkennung mit klaren Erfahrungen von Diskriminierungen. In den Konventen kamen Fragen auf: „Hat sich die Kirche etabliert? Hat sie ihren Frieden gemacht mit dem Staat auf Kosten der Glaubwürdigkeit des eigenen Redens?“
Wo stehen wir heute genau in dieser Gefahr? Was werden wir sehen, wenn sich der Wind wieder mehr in Richtung gesellschaftlicher Konfrontation der Kirche dreht?
Brüsewitz hatte etwas Archaisches und zugleich Utopisches: Bodenständig pflügte er den Acker (ob mit Pferd oder Trabi am Pflug) und mit seiner Vision im Herzen pflügte er den Acker der Kirche und Gesellschaft. Dafür hatte er wenig Zeit. „Kaufet die Zeit aus“, das war sein Motto und das tat er. Er ging durch die Tage im Sturmschritt. Unbeirrt, sein Ziel vor Augen. Dabei behielt er sich seine liebenswürdige Art, sorgte sich um sozial schwache Familien, teilte, verschenkte Kaninchen an die Kinder und veranstaltete fantasievolle Kinderfeste.
Ob sein selbst gewählter Feuertod politisch, religiös oder anders motiviert war, ist nicht zu beantworten. Dass Oskar Brüsewitz mit seiner Tat aufgerüttelt, geärgert und irritiert hat, ist dagegen unumstritten. Geärgert hat er im hohen Maße die DDR-Staatsführung. Schon immer „zog er den Löwen am Schwanz“ und besänftigte ihn nicht. Noch mit seinem Tod hat er eine Reaktion seitens der DDR-Regierung bewirkt, die dem Staat letztlicherheblich geschadet hat. Im zentralen Presseorgan „Neues Deutschland“ erschien ein diffamierender Artikel, um den Tod von Oskar Brüsewitz als Tat eines Geisteskranken darzustellen.
Erst durch die Schärfe und Unsachlichkeit des Artikels wurde eine Welle des Protestes in der Bevölkerung ausgelöst. Im Zusammenhang mit der Zwangsausbürgerung von Wolf Biermann im selben Jahr trug die Selbstverbrennung von Brüsewitz zur Bildung einer wachsenden Oppositionsbewegung in der DDR bei, die letztlich dem Untergang der DDR das Feld bereitete. Die DDR – ringend um internationale Anerkennung und gerade involviert in den Prozess der UNO mit der KSZE-Akte – schadete vor allem sich selbst.
Aber nicht nur das staatliche Handeln, auch das kirchenleitende kam an seine Grenzen. Wie auch damit umgehen, dass sich ein Bruder im Dienst selbst verbrennt und damit auch ein Zeichen ins Kircheninnere senden will? Was dazu sagen als Kirchenleitung, wenn das Staat-Kirche-Verhältnis doch immer noch so fragil ist? Wie das theologisch einordnen, wenn man sich von einem Märtyrertum herausgefordert sieht? Wie würden wir heute reagieren und würde es nicht auch für uns heute naheliegen, ihn schnell in unsere Schubladen einzuordnen und wahlweise als Sonderling oder als Verrückten zu bezeichnen?
Uns steht es nicht zu, zu urteilen und zu bewerten und doch wollen wir verstehen. Auch nach 50 Jahren noch. Die Schar der Zeitzeugen ist inzwischen spürbar kleiner geworden, die Tat selbst kirchenhistorisch eingeordnet. Und dennoch sollten wir uns weiterhin anrühren lassen von dem, was Oskar Brüsewitz umgetrieben hat.
Wir sollten seine Tat nicht reduzieren auf die Tat eines Gescheiterten, nicht auf die Tat eines Verrückten, nicht auf die Idee eines Apokalyptikers. Seine Tat mahnt zur Eindeutigkeit. Die hat er radikal gelebt. Altbischof Werner Krusche hat das am 30. Jahrestag der Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz 2006 so formuliert:
„Die Frage, die Oskar Brüsewitz so sehr bewegt hat, stellt sich ja immer noch: Inwieweit wir als Kirche laut zu reden und zu protestieren haben, wo der von Gott geliebte Mensch in seiner Würde verletzt und mit Füßen getreten wird. Diese Wachsamkeit muss bleiben und mit ihr die Bereitschaft, sich für sein Recht und für seine Freiheit einzusetzen. Man mag über die Form des Protestes unterschiedlicher Meinung sein, geblieben ist die Tatsache, dass da einer den bis zum letzten gehenden Mut gefasst hat, sich zu gefährden, um aufmerksam zu machen auf Dinge, die die Würde und die Rechte des Menschen verletzen. Dieser Aufgabe hat sich die Kirche auch heute zu stellen.“
Dem habe ich nichts hinzuzufügen.