Predigt am Sonntag Reminiscere 1.März 2026, Dom zu Magdeburg Landesbischof Friedrich Kramer
1.März 2026, Dom zu Magdeburg
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt, Christus Jesus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder, er geht nachts durch die Gassen und geht heimlich in ein Haus, dort lesen sie gemeinsam aus dem Evangelium, sie beten zusammen und einer predigt, sie feiern das Mahl so wie wir heute.
Heimlich geht er wieder zurück, doch dann kommen sie der Familie auf die Schliche, er bekommt Angst, seine Familie sagt, du musst raus und er flieht. Er kommt an in Magdeburg, findet hier Anschluss und lässt sich taufen. Seine Sprache ist Persisch, er kommt aus dem Iran.
Einer von vielen 300.000 bis 500.000 Verfolgten, die Christen sind oder sich dem christlichen Glauben angenähert haben. Und heute, gestern, plötzlich sind wir alle im Iran und hören: Der Führer des Landes sei tot, Bomben die Tod bringen.
Freust du dich? Oder bist du erschüttert? Wie ist das, wenn „gerecht gebrochen“ wird? Wie ist das mit dem Unfrieden dieser Welt, der täglich zu uns kriecht? Wie ist es mit dem Frieden in deinem Herzen und der Versöhnungsbereitschaft?
Hört Verse aus dem Predigttext:
Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
(Römer 5,2-6)
Gott schenke uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder, zweiter Sonntag in der Passionszeit. Und wir hören von Bedrängnissen, von Leid. Und heute ist der Gedenktag für die verfolgten Christen in der Welt.
Es sind unendlich viele, es übersteigt unsere Vorstellung. 388 Millionen Christinnen und Christen werden weltweit verfolgt. Und manche von ihnen fliehen hierher, suchen Schutz in unserem Land. Und so ist die zweitgrößte aramäisch sprechende Gemeinde heute nicht mehr in Syrien, sondern in Berlin. Und es sind Syrer, die sprechen noch, wie Jesus gesprochen hat. Wenn Sie das mal hören wollen, können Sie nach Berlin fahren, nehmen Sie an dem aramäischen Gottesdienst teil, mitten in unserem Land. Großartig, dass wir verfolgte Christen aufnehmen. Und wir hören heute davon, wie es sein kann, wenn wir im Leiden sind. Bedrängnisse, Bedrängnisse.
Wie gehen wir mit all dem Bedrängenden um, was uns täglich ins Haus kommt? Mit all dem Bedrängenden, was vor uns liegt, wenn wir auch in unserem Land in den Herbst schauen? Wie gehen Sie mit den Bedrängnissen um, die Sie selbst persönlich haben in Ihrer Familie, in Ihrem Leben?
„Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns der Bedrängnisse“, sagt Paulus. Und das ist nicht darum, wie so Menschen in meinem Alter gerne miteinander in Wettstreit sind: Wer hat die schlimmste Krankheit, ist es die Hüfte oder das Herz, diese Art von Ruhm. Sondern hier geht es darum, um die Bedrängnisse, die um das Glaubens willen erlitten werden. Sich rühmen der Bedrängnisse.
Und es gibt viel Ruhm für Christen in der Welt, die bedrängt werden. Und wir können uns hochschätzen und freuen, dass wir in einem Land leben, das die Freiheit, die Religionsfreiheit hochschreibt.
Und dafür sollen wir uns einsetzen und dafür stark machen, dass sie für alle gilt, die Religionsfreiheit. Denn sie erspart uns Bedrängnisse. Wir können fröhlich unseren Glauben leben, öffentlich predigen, können in die Schulen, in die Gefängnisse, können in die Krankenhäuser gehen, den Glauben verbreiten, Menschen gewinnen.
Unsere Bedrängnis ist eher eine andere, dass immer mehr Leute sagen, das interessiert uns nicht. Und uns den Rücken kehren, auf ihren Lohnsteuerbescheid schauen und ihrem Lohnsteuerberater folgen, der sagt, die einzige Steuer, die Sie sparen können, kann ich Ihnen mal zeigen. Das sind unsere Bedrängnisse.
Und selbst, wenn es so schlimm kommt, wie es im Regierungsprogramm der AfD steht, was sind das für Bedrängnisse? Alles überlebbar, das kostet kein Leben. Anders in anderen Ländern, wo, wenn du schon dich als Christ bekennst, bedroht bist an Leib und Leben.
Bedrängnisse bringen Geduld: Das wünsche ich mir manchmal auch für mich selbst. Weil da, wo es bedrängt wird, werde ich oft ungeduldig. Und ich glaube, das kennen Sie auch.
Wie darf man das aushalten, wenn es schlecht geht, wenn die Krankheit nach dir greift, wenn die Konflikte überhand nehmen, wenn du kaum noch das Gefühl hast, dass es eine gute Zukunft gibt? Geduld. Geduld – Was für ein Wort.
Und am besten übt man sich ein in die Geduld im Gebet und im Gesang. Nicht gleich ins Machen gehen wollen, nicht gleich etwas schaffen müssen, sondern erst mal beten und singen. Oder wie Luther so schön sagte, heute habe ich gar keine Zeit, da muss ich viel beten. Also wenn Sie das nächste Mal in Zeitbedrängnis geraten angesichts der vielen Aufgaben, Hände falten und beten.
Bedrängnisse bringen Geduld. Geduld aber bringt Bewährung.
Und wir wissen es, dass die Ungeduld genau das ist, was unsere Zeit massiv prägt und was auch die politischen Konflikte in unserem Land prägt. Es muss sich alles sofort und jetzt ändern, so wie ich mir das denke. Und wenn nicht, ist das eine Diktatur und demokratisch, die Kirche ist schlecht. Sofort wird ungeduldig alles beiseite gepackt. Ganz anders hier bei Paulus. Geduld.
Erst Geduld bringt Bewährung. Und Bewährung bringt Hoffnung. Wer nämlich geduldig im Leiden ausharrt, wer das ändert, was er ändern kann, aber das, was er nicht ändern kann, im Gebet vor Gott legt, wer geduldig bleibt und nicht aus der Liebe fällt, der wird sich bewähren und die Hoffnung wird groß werden.
Und die Hoffnungslosigkeit unserer Tage hat viel mit der Ungeduld und der Nichtbereitschaft, es zu ertragen, zu tun. „Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, sondern die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“
Wie kann sich Leid, wie können sich Schmerz und Verfolgung transformieren, verändern, so wie es hier beschrieben wird? Aus Bedrängnis durch Geduld in Hoffnung, ja in leuchtende Liebe?
Bassam Aramin, ein Palästinenser, dessen Tochter von einem Grenzpolizisten, einem israelischen Soldaten, erschossen wird. Rami El Shranan, ein Israeli, dessen Tochter, Smada, durch einen Selbstmordanschlag getötet wird. Beides keine Christen, aber die Veränderung, die ins Licht führt, kann man hier sehen. Beides Dinge, die zu Hass und Gewalt wieder führen können, zu Unfrieden.
Du willst dich rächen, du willst Gewalt ausüben, so wie wir es heute erleben, überall. Aber diese beiden finden zusammen in einer Friedensorganisationen in Israel und Palästina, sie heißt „Parents Circle“, eine Selbsthilfegruppe für Eltern, die Kinder in diesem Konflikt und Krieg verloren haben. Und sie finden zueinander und beginnen die Geschichte des anderen zu verstehen und stehen ein gegen Unrecht und Gewalt. Und ihnen gelingt es, aus der Spirale des Hasses und der Gewalt hinüberzugehen, in Achtung voreinander und in Hoffnung. Hoffnung für ein Land, wo nüchtern betrachtet kaum einer Hoffnung hat.
Und die großspurigen Friedenspläne eines Friedensrates, wir werden sehen, was daraus wird. Ob es gelingt, Schritte in die richtige Richtung zu gehen. Aber sie selbst beteiligen gerade die Betroffenen nicht und sind selbst schon wieder Grund neuer Demütigung. Aber die beiden, die arbeiten zusammen, sie stärken andere mit ihrer Hoffnung und sind so, dass sie in der Geduld die Bedrängnisse durchgestanden haben. Und die Liebe Gottes auch in ihnen aufleuchtet, obwohl sie von der Liebe Christi wissen, aber nicht dazugehören.
Den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, zum Frieden finden, zum Frieden, den Gott uns verheißt. Wir werden gerettet vor dem Zorn, denn durch sein Blut sind wir gerecht geworden. Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt Versöhnung empfangen haben.
Liebe Schwestern und Brüder, in den Bedrängnissen, in der aufgeheizten Debatte, in den polaren Diskussionen, in dem Streit, lasst uns Boten des Friedens sein.
Lasst uns auf den Weg des Friedens gehen, der immer wieder zur Versöhnung ruft. Und das heißt auch immer den anderen in den Blick zu nehmen, der damit rechnet, dass aus dem Feind ein Bruder, das aus der Feindin eine Schwester wird. Darauf lasst uns vertrauen, dass wir in den Bedrängnissen geduldig ausharren, beten, uns bewähren, und die Hoffnung in uns so groß wird, dass sie auch andere erreicht und ihre Herzen strahlen lässt.
Das schenke uns Gott, in Jesus Christus. Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus. Amen