Predigt beim ökumenischen Open-air-Gottesdienst zum Demokratiefest auf dem Erfurter Anger | Regionalbischöfin Friederike Spengeler
Erfurter Anger
Friede sei mit Euch!
Wenn du die Sekunden zwischen Blitz und Donner zählst und durch drei rechnest, weißt du, wie viele Kilometer das Gewitter entfernt ist.
Liebe alle, das habe ich schon unzählige Male gemacht. Denn bereits als Kind hatte ich große Angst vor Gewittern. Und auch wenn mir meine Eltern gute Argumente dafür lieferten, warum es nicht einschlagen würde: Ich hatte Angst. Und auch wenn mir mein naturwissenschaftlich versierter Vater geduldig die Grundlagen der Elektrizität erklärte, saß ich unterm Tisch, sobald es draußen zu Grummeln begann. Dort, unter meinem schützenden Dach, sang ich dann laut, sang gegen meine Angst an: „Leuchte, leuchte, bunter Regenbogen, leuchte in die weite Welt, als die Tiere aus der Arche zogen, hat dich Gott in die Wolken gestellt.“ Die Geschichte dazu wird in der Bibel erzählt und geht so:
Gott ruft die Welt ins Leben. Seine Schöpfung ist ein Meisterwerk. Schnell ist allerdings auch klar, dass die Spezies Menschen mehr will, als gute Gärtner und Verwalter der Erde zu sein. Berauscht von ihrer Sonderstellung und damit verbundener Freiheit, nimmt sich Mensch, was er kriegen kann. Und das ist der Anfang vom Ende.
Gott stellt fest: Die Mischung aus Freiheit und Bosheit lässt Menschen über Leichen gehen. Da muss ein Stoppschild her: Bis hierher und nicht weiter, bist du denn meschugge, Mensch? Aber, Stoppschilder sind ja angeblich nur was für Fahranfänger und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Gott will bewahren, was gut ist. Deshalb sucht er nach Menschen mit Herz statt Hetze: Noah etwa. Der soll ein großes Rettungsschiff bauen, das die Tierwelt, ihn und die Seinen aufnimmt. Dann steigen die Wasser und begraben alles unter sich. Alles, außer Gottes Rettungsschiff. Eines Abends kommt die ausgesandte Taube mit Ölzweig im Schnabel zurück zur Arche. Gottes Neuanfang ist nun zum Greifen nah: Tiere und Menschen gerettet. Und auch wenn Gott – ganz Realist – sieht, dass die Bosheit selbst die Sintflut überstanden hat, gibt er sein Wort: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören, Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Und setzt dazu seinen Bogen in die Wolken. Einen Bogen, der bei antiken Gottesvorstellungen stets für Kriegstüchtigkeit und Siege stand. Den hat der lebendige Gott nicht nötig! Sein Bogen leuchtet von nun an am Himmel. Strahlt vor Vielfalt: rot, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett.
Solange die Erde steht, soll nicht aufhören… Dieser Geschichte habe ich bereits als Kind geglaubt und gelernt, der Hoffnungsbotschaft zu vertrauen. Und als erwachsene Theologin habe ich von jüdischen Gelehrten die wunderbare Frage gehört: „War die Schöpfung Gottes denn überhaupt schon vollständig?“ Und Rabbiner setzen gleich dazu: „Nein! Der Regenbogen fehlte! Und deshalb fand auch die Schöpfung erst nach der Sintflut mit dem Regenbogen ihr Ziel.
Der Regenbogen ist für mich ein Zeichen geworden, das mir Kraft gibt. Ein Symbol für die Zukunft. Auch wenn so viele Anzeichen dagegensprechen. Eine Zukunft, weil Gott sie will. Mit uns. Eine Chance, das Zusammenleben so zu gestalten, dass es der Vielfältigkeit Gottes entspricht.
Der Regenbogen erinnert mich: Gott hält sein Versprechen. Er lässt die Welt nicht fallen. Das macht mich stark, auch etwas zu tun. Loszulegen, etwa, wenn es ums Klima geht. In Wort und Tat. Unsere Erde bebt und brennt. Sie hält uns mit stummen Schreien ihre Wunden entgegen. Und doch gibt es nach wie vor viel zu viele, die sagen: warme Winter und heiße Sommer hat es doch schon immer gegeben und alternative Energiegewinnung ist ein Spleen der Politik. Widerspruch! Als Kirche haben wir einen eigenen Stromverbund gegründet, der sich ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen speist, wird fördern nachhaltige, ökologische Landwirtschaft, legen Geld in den Klimafonds und verstehen Umweltarbeit als Teil unserer Bildungsarbeit…
…und können gemeinsam noch viel mehr erreichen! Etwa denen, die uns einreden, dass Wirtschaftswachstum alternativlos sei, die rote Karte zeigen. Die Politik mit allen demokratischen Mitteln davon überzeugen, dass Klimapolitik nicht etwas ist, was man sich irgendwann leistet, wenn alle anderen Probleme gelöst sind, sondern zur Chefsache gemacht wird, weil Bewahrung der Schöpfung um Gottes Willen Chefsache ist!
Ihr Lieben, ein Regenbogen erscheint, wenn noch nicht alles wieder in Ordnung ist. Das optische Phänomen des Regenbogens entsteht aus Sonne und abziehendem Regen. Gottes Zeichen erscheint also dann, wenn noch etwas vom gerade erlebten Unwetter sichtbar, die Erinnerung daran noch frisch ist. Auch das steckt in Gottes Versprechen: Dass er Unwetter immer wieder beendet, unterbricht. Dass er uns damit Zeiten, Räume und Gelegenheiten schafft zum Aufatmen und Hoffnung-Schöpfen, und zum Aktiv-Werden, zum tätigen Einsatz für unsere Zukunft. Das brauchen wir so nötig!
Gott hat seinen Kriegsbogen an den Haken gehängt. Ein für alle Mal. Deshalb lass dir nicht einreden, dass Gott Kriege will. Oder, dass Aufrüstung mehr Sicherheit bedeutet. „Selig sind, die Frieden stiften, Gottes Kinder werden sie heißen.“ sagt Jesus. Deshalb setze mit mir auf friedliche Streit- und Konfliktlösung, trainiere deine empathische Begabung und lerne Diplomatie wie eine Sprache. Setze dich für Frieden in deinem Umfeld und in unserer Gesellschaft ein und mach damit die Welt eine kleine Ecke friedlicher.
Vielleicht bist du schon engagiert oder du entdeckst heute beim Weg durch Erfurt Leute, deren Ideen für die gute Sache dich überzeugen.
Ihr Lieben, in diesen Tagen fühle ich mich manchmal wieder wie als Kind im Gewitter. Ständig donnert und kracht es, ganz in der Nähe oder weltweit. Schlimme, aufrüttelnde und erschütternde, unfassbare Nachrichten schlagen wie Blitze ein. Und dann noch jene Partei, deren Thüringer Landesverband als gesichert rechtsextrem gilt und schamlos jedes Mittel nutzt, um an die Regierung zu kommen und die den demokratischen Rechtsstaat gnadenlos ausnutzt, um dann - und das mit Ansage und schriftlich nachzulesen - die Demokratie auszuhöhlen und abzubauen. Und natürlich ist auch das heutige Datum reiner Zufall...
Menschen, die ich sehr schätze und deren Fachurteil ich vertraue, sagen: Unsere Demokratie ist stark und wehrhaft und die Bedrohung durch rechtsextreme Parteien ist effektiv einzudämmen. Wenn ich ihnen zuhöre, denke ich: Hoffentlich habt ihr recht – hoffentlich haben wir Recht mit diesem Vertrauen! Ja, ich kenne den nagenden Zweifel: Was, wenn wir uns irren? Was, wenn jetzt tatsächlich die letzte Chance ist, die Demokratie zu verteidigen? Das ist vielleicht die Überzeugung von manch einem, der oben an der Messe demonstriert. Und ehrlich, solche Gedanken sind mir nicht fremd. Und vielleicht ist das auch nötig, um nicht den Kontakt zur Realität zu verlieren. Aber in einem Punkt bin ich ganz sicher: Nämlich, dass Gewalt keine Lösung ist! "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." heißt es, das will ich mit aller Kraft versuchen. Vielleicht wäre es schon etwas, wenn wir zu historisch sensiblen Tagen und an ebensolchen Orten, auf den Plätzen unserer Städte lange im Voraus Aktivitäten fürs Gemeinwohl anmelden und sie damit blockieren. Und gleichzeitig Ämter und Veranstalter sensibel machen für ihre Verantwortung bei der Anmeldung von Demonstrationen und Kundgebungen. Damit könnte es uns gelingen, dass wir so etwas wie diesen Parteitag nicht wieder in Thüringen erleben müssen und schon gar nicht an einem 4. Juli, an dem heute vor 100 Jahren in nächster Nähe, in Weimar, die Hitlerjugend gegründet wurde ...
Liebe Mitmenschen, heute, jetzt, hier ist Regenbogenzeit. Was ich in Erfurt sehe, der gemeinsame Aufstand einer vielfältigen Gesellschaft, ist ein Geschenk des Himmels. Schaut euch um, seht euch an: So unterschiedliche Menschen, so verschiedene Hintergründe, einzigartige Begabungen, wunderbare Leidenschaften. Und doch EINS für ein demokratisches und friedliches Miteinander. Da sind die ‚Omas gegen rechts‘ und Fridays for Future, ökumenische Jugendarbeit, Hospizlerinnen, Gewerkschaftler, Kirchen, See-watch und hunderte anders Organisierte. Sie, wir alle sind Zivilgesellschaft und ein lebendiges Zeichen im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Jede und jeder von uns bringt seine Farbnuance ins Spiel, keine soll fehlen. Nur auf Braun verzichten wir gern und tragen lieber Gold…!
Wir vertrauen auf Gottes Regenbogen! Auf dieses archaische und doch ewig junge Symbol der Hoffnung. Seine Farben spiegeln das Licht in der Vielfalt seiner sichtbaren Teile. Und ich wünsche Dir: Vertrauen auf Gottes Regenbogen als Kraft für dein Leben. Farben, die Bilder des Friedens malen und in dir die Sehnsucht danach wachhalten.
Heute ist Regenbogenzeit. Zeit zum Handeln. Lasst uns gemeinsam Zeichen für das demokratische und friedliche Miteinander setzen. Lasst uns gut vernetzt an einem Strang ziehen, um etwas zu erreichen, was nicht nur für uns, sondern auch für alle gut ist. Ideen teilen, was wir rechtsextremen und anderen anti-demokratischen Bewegungen wirksam entgegensetzen können. Gott hat versprochen, sein Tun mit unserem Tun zu verbinden: allen zum Segen! Amen
Erfurt, 04.07.2026, Bühne auf dem Anger