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Predigt im Rundfunkgottesdienst Bachkirche Arnstadt, 19. April 2026, Dr. Margot Käßmann

Johannes 10, 11ff.

Liebe Gemeinde,
Hirtensonntag ist heute, da geht es um Bilder vom Landleben. Geben wir es aber ruhig zu: Mit Schafzucht ist wohl kaum jemand von uns vertraut. Weder wir hier in Arnstadt, noch Sie, liebe Gemeinde, die diesen Gottesdienst am Radio mitfeiert.
Schafe haben unter uns Nicht-Schäferinnen und -Schäfern auch ein eher schlechtes Image. Nach dem Motto: Blöken dumm herum. Trotten immer der Menge hinterher.
Bezeichnet jemand einen anderen oder eine andere als „Schaf“, ist das gewiss nicht als Kompliment gemeint. Wenn vom „Pfarrer und seinen Schäfchen“ die Rede ist, dann meint das: Er bestimmt, die anderen stimmen einfach zu.
Hirten dagegen haben erstaunlicherweise ein positives Image in unserer von Internet und Smartphones geprägten Gesellschaft. In vielen Köpfen gibt es das Bild von dem abgeklärten Mann mit dem langen Stab. Mit derbem Mantel, wettergegerbter Haut und großen Hut strahlt er eine tiefe Ruhe aus. Als ich Theologie studiert habe, hat ein Kommilitone das Studium beendet und wurde Schäfer. Irgendwie haben das alle bewundert nach dem Motto: Wow, ist der alternativ! Ein echter Aussteiger. Allerdings weiß ich nicht, ob er dabei geblieben ist…
In der Welt des alten Israel waren Schafe und ihre Hirten schlicht Alltagsrealität. Von Hirten ist daher in biblischen Geschichten oft die Rede. Am bekanntesten sind für uns alle wohl die Hirten auf dem Felde, denen nachts die Menge der himmlischen Heerscharen die Geburt des Gotteskindes ankündigt, wie es der Evangelist Lukas erzählt. Klar ist schon in der Weihnachtsgeschichte: Hirten stehen nicht für die „Mitte der Gesellschaft“. Sie waren eher die am Rand, die Armen, die nicht so gern gesehenen Gäste. Gerade dafür steht ihr Besuch an der Krippe des neugeborenen Gotteskindes: Alle sind willkommen bei Jesus!
Ein wichtiger Aspekt für mich ist: An vielen Stellen der Bibel, an denen männliche Bezeichnungen stehen und wir deswegen traditionell ausschließlich Männer vor Augen haben, sind die Frauen und auch die Kinder „mitgemeint“. Sie waren und sind aber natürlich Teil des Alltags und der Arbeit, auch auf dem Feld, auch beim Bewachen der Herden. Unser Wissen über die biblische Zeit heute legt nahe, dass Hirten ihre Arbeit nicht allein taten, sondern Frauen mit ihnen umherzogen, kochten, die Schafe mitversorgten, schlicht Teil des Lebens waren ebenso wie ihre Kinder.
Das Hirtenleben war keine Männerdomäne, es waren Hirtinnen und Hirten oder eben: Hirtenfamilien. Aber die Bilder in unseren Köpfen zu verändern, fällt schwer.
Sie sitzen fest. Der Journalist Peter Hahne, der viele Jahre neben mir im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland saß, sagte einmal: „Margot, mit deinen Hirtinnen verdirbst du mir die ganze Weihnachtsgeschichte!“ Aber eigentlich ist das doch eine schöne Vorstellung, wie sie da zur Krippe kommen, Männer, Frauen und Kinder. Vielleicht haben die Frauen gleich eine Suppe mitgebracht, denn wer kommt schon zum Kochen kurz nach einer Geburt? Und die Kinder haben selbstgeschnitzte 2 Tierfiguren dabei, mit denen Jesus bald wird spielen können. Mir sagt das Bild von den Hirtenfamilien jedenfalls zu. Kein lonesome cowboys sozusagen, sondern eine Gemeinschaft, die das Kind in ihrer Mitte willkommen heißt.

Kommen wir damit zu Jesus. Er bezeichnet sich im Johannesevangelium selbst als guten Hirten. Wir alle haben auch hier schnell Bilder vor Augen, auf denen ein entrückt in die Ferne blickender Jesus mit Heiligenschein selig lächelnd ein Schaf auf den Schultern trägt. Aber so romantisch ist das Bild, das Jesus selbst zeichnet, nicht.
Unser Bibeltext heute macht zwei Punkte deutlich: Es gibt zum einen auch schlechte Hirten, im Text „Mietlinge“ bezahlte Angestellte genannt, die nicht mit vollem Engagement dabei sind. Sobald der Wolf kommt, fliehen sie und scheren sich nicht darum, was aus den Schafen wird. Sie stehlen sich aus der Verantwortung.
Offen gestanden kommen mir da Staatenlenker von heute in den Blick. Menschen, die nur an sich selbst denken und nicht an das Volk, dem sie doch verpflichtet sein sollten. Egomanen, denen es um Macht geht. Männer, die Kriege beginnen, in denen andere, aber keinesfalls sie selbst oder ihre Söhne sterben müssen. Männer, die Frauen zur Ware machen. Oder Führungskräfte in Unternehmen, die nur den Profit im Auge haben, nicht aber das Wohl der Mitarbeitenden. Nein, gute Hirten sind das nicht!
Und damit kommen wir um zweiten Punkt. Ich denke, es gibt sie, die guten Hirten.
Ein guter Hirte, der Staatenlenker wäre, würde zuallererst Frieden suchen. Er macht andere nicht nieder oder wertet sie ab. Er sortiert Menschen nicht nach Herkunft und Hautfarbe, sondern fühlt sich verantwortlich für das Wohl von allen. Ein guter Hirte tut alles, um Frauen und Kinder vor sexualisierter Gewalt zu schützen, ob real oder im Netz. Ein guter Hirte schafft Vertrauen. Ja Jesus sagt: Ein wirklich guter Hirte riskiert sogar das eigene Leben für die Schafe.
Jesus ist unser guter Hirte. Und er betont die gute Beziehung zwischen ihm und dem Vater, ihm und den Seinen. Eine Beziehung, die gepflegt werden will. Darum geht es ja im Glauben. Wir feiern ihn hier heute in der Kirche gemeinsam mit Menschen an die im Rundfunk dabei sind. Gemeinschaft gehört zum Christentum.
Gewiss, ich kann auch allein im Wald singen: „Großer Gott wir loben dich!“. Aber es heißt, WIR loben dich. Unsere Gemeinschaft wird praktiziert: Im Gebet, im Lesen der Bibel, im Gespräch mit Jesus.
Und doch: Steht Jesus mit seinem Leben für uns ein? In der Theologie wird heute weniger vom Opfertod gesprochen als von Hingabe. Jesus ist seinen Weg konsequent gegangen in Gottvertrauen. Und doch gab es in diesem Gottvertrauen den Schrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Da zitiert er Psalm 22, der ihm offenbar sehr vertraut war. Jesus selbst kennt Verzweiflung…3

Der Theologe Jürgen Moltmann, der in diesem Monat hundert Jahre alt geworden wäre, hat einmal erzählt, wie ihm als ganz jungem Mann im Kriegsgefangenenlager vom britischen Chaplain eine Bibel geschenkt wurde. Eine Dose Corned Beef wäre ihm lieber gewesen, denn er hatte ständig Hunger. Aber dann hat er gelesen und dieser Schrei Jesu am Kreuz hat ihn getroffen und bewegt. Sind wir von Gott verlassen, wenn wir leiden? Wo ist Gott mitten in dem Elend der Welt? Diese Fragen treiben uns doch auch heute um.
Jesus kennt den Vater, der Vater kennt ihn. Jesus kennt die Seinen und die seinen kennen ihn. Jesus kennt den Schrei nach Gott und weiß, dass wir ihn oft teilen angesichts von Leid. Und gerade so kann der auferstandene Christus uns zwar nicht vor Leid verschonen, er hat es ja selbst erleiden müssen. Aber er kann uns die Kraft geben, mit dem Leid umzugehen, in Krankheit, Trauer und Leid das Gottvertrauen nicht zu verlieren. Jesus ist unser guter Hirte, der weiß, was uns umtreibt.

Zurzeit sind wir alle ziemlich verzagt. „Mietlinge“ gibt es in der Tat genug.
Selbsternannte Anführer, die alles mögliche versprechen, aber denen die Menschen selbst eigentlich ziemlich egal ist. Sie haben nur ihren Vorteil im Blick. Denken wir nur an Donald Trump oder Wladimir Putin. Wohl niemand käme auch nur auf die Idee, einen von beiden als „guten Hirten“ zu bezeichnen. Selbst wenn sie es versuchen und Bilder von sich selbst als heilender Jesus verbreiten…

Ich möchte zum Schluss drei Themen nennen, in denen wir heute Orientierung brauchen und sie finden können, weil Jesus uns kennt und wir Jesus kennen.
Zum einen: Wohin gehen wir als Kirchen? Wir werden immer weniger Christinnen und Christen im Land, zumal hier im Osten Deutschlands. Und doch ist ja gerade die Erfahrung der Christinnen und Christen in der DDR, dass es in der Minderheitensituation einen besonderen Zusammenhalt gab. Die Herde war bedroht durch staatliche Repression, aber sie hielt sich tapfer und hat am Ende die entscheidenden Impulse gegeben für eine Veränderung der Verhältnisse. Ein Kollege aus Ostdeutschland hat mir mal gesagt: Hättet ihr uns ein bisschen besser zugehört, wärt ihr im Westen besser darauf vorbereitet gewesen, in eine Minderheitensituation zu geraten. Ja, wir Wessis hätten besser zuhören sollen!
Auch eine Minderheit kann Salz der Erde sein. Wir dürfen nicht vereinzeln, sondern können uns gegenseitig ermutigen – wie hier heute im Gottesdienst. Als Herde, als Gemeinschaft, werden wir unseren Glauben feiern und weitergeben, werden unsere Stimme erheben für die Schwachen im Land und den Frieden in der Welt.
Zweitens geht es darum, die Stimmen zu unterscheiden! Schafe wissen sehr genau, was die Stimme ihres Hirten ist, sie folgen nicht jedem, der ruft. In unserem Land gibt es derzeit Stimmen, die tönen, man müsse es „denen da oben“ mal so richtig zeigen. 4
Jeder, der nicht zwei deutsche Eltern und vier deutsche Großeltern habe, müsse das Land verlassen. Seid wachsam, sagt uns da unser guter Hirte. Liebt die Nächsten und damit sind nicht nur die gemeint, die uns nahe sind. Selig sind die Barmherzigen!

Das ist das Gebot Jesu.
Und die Stimme Jesu ruft schließlich drittens zum Frieden, zu Versöhnung! „Steck das Schwert an seinen Ort!“, hat Jesus gesagt. Und: „Selig sind, die Frieden stiften!“ Ja sogar: „Liebet eure Feinde“. Als seine Herde haben wir das heute zu rufen, in eine Welt die kriegerisch daherkommt, die nicht mehr von Abrüstung, sondern nur noch von Abschreckung spricht. Es geht darum, unsere Stimme zu erheben und Hoffnung weiterzugeben: Wir Menschen auf dieser Erde können und wollen in Frieden miteinander leben!

Also liebe Gemeinde, wir können das Bild vom guten Hirten ruhig annehmen, ohne uns als däpperte Schafe zu sehen. Jesus kennt uns und wir kennen ihn. Darauf vertrauen wir. Und das bestärkt uns, selbstbewusst Christinnen und Christen zu sein in dieser Zeit. Das gibt uns Klarheit, die Stimmen zu unterscheiden. Und das ermutigt uns, unsere Stimme zu erheben für Miteinander und Frieden.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, sei mit uns allen. 

Amen.

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