Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 18. Februar 2018

Predigt über 2. Kor 6, 1-10 im Gottesdienst mit Abendmahl am Sonntag Invocavit 2018 (Todestag Martin Luthers) in der St. Andreaskirche zu Lutherstadt Eisleben

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde! Liebe Schwestern und Brüder!
Das bewegt mich sehr, dass ich heute an Martin Luthers Todestag auf der Kanzel stehe und predige; auf der Kanzel,  auf der er die letzten Predigten vor seinem Tod hier in Eisleben gehalten hat.
Ja, er hatte recht mit seiner Ahnung, dass er hier in Eisleben sterben würde. Am Tag vor seinem Tod ist er „in seinem Stüblein umher gegangen .... (hat) „gelegentlich zum Fenster hinausgesehen und gebetet ...“ und hat zu seinen Freunden Justus Jonas und Herrn Michl gesagt: „Doktor Jonas und Herr Michl, ich bin hier in Eisleben geboren und getauft worden; was, wenn ich hier bleiben sollte?“
So hat Justus Jonas direkt nach Martin Luthers Tod dem Kurfürsten nach Torgau berichtet. Denn das war ja mit Spannung von seinen Gegnern erwartet worden: Wird der große Martin Luther getrost sterben können? Ohne die Sterbesakramente? Ohne die heilige Eucharistie durch eine geweihten Priester empfangen zu haben? Ohne reumütige Rückkehr zum alten Glauben?

Deshalb berichtete Justus Jonas sogleich minutiös dem Kurfürsten, der die Reformation von Anfang an politisch unterstützt und geschützt hatte. Zusammengefasst sagt sein Bericht: ‚Ja, Martin Luther ist getrost und in ganzem Vertrauen in Christus gestorben.’      -     Ja, so hatte er sich sein Sterben gewünscht, schon 1519 hatte er im „Sermon von der Bereitung zum Sterben“ eindrücklich empfohlen, im Sterben bewusst und
entschlossen den Blick von Sünde, Tod und Hölle abzuwenden – also von allem, was uns ängstigt und bedrängt – und allein auf Christus zu schauen.
Und so wünscht sich wohl jeder und jede, auch hier, so friedlich und getrost zu sterben. Und so bewegt wohl auch jeden und jede hier diese Frage und Hoffnung, wenn er und sie ans eigene Sterben denkt: Wird mir das einmal so geschenkt werden? Wird mich mein Glaube tragen? Ja, werde ich überhaupt mich darauf einstellen können, auf das Sterben? Oder wird es mich überraschen, überfallen – oder werde ich ohne Bewusstsein dahin dämmern, womöglich an Apparate angeschlossen, gar am Sterben gehindert?

Es ist gut, dass Sie hier jedes Jahr an Martin Luthers Sterbetag in einer Andacht oder einem Gottesdienst innehalten. Es ist wichtig, sich auf das eigene Sterben zu besinnen und was mich dann tragen kann. Es ist gut, dass Menschen hier in Lutherstadt Eisleben das zweierlei  Sterben eines Christenmenschen vor Augen bekommen und sich damit auseinander setzen können: In der St. Petri- Pauli-Kirche, wie wir bereits in Christi Tod getauft sind und so Anteil bekommen an der neuen Schöpfung Gottes, die mit Christi Tod und Auferstehung beginnt; und in Luthers Sterbehaus: Wie wir auch als Getaufte noch der alten Schöpfung unterworfen sind und sterben müssen – „doch auf Hoffnung...“, wie Paulus schreibt.  
Doch wie geht das zusammen? Wenn in Christus eine neue Schöpfung begonnen hat und Gottes Reich nahe herbei gekommen ist, müssten wir das nicht viel mehr sehen, uns viel mehr daran ausrichten, ja dieses Reich verwirklichen?
Und müsste ein Martin Luther nicht weniger Schattenseiten haben, weniger schlimm sich mit seinen Gegnern auseinandergesetzt haben und insbesondere: Andersgläubige wie Juden und Türken nicht so furchtbar verfemt haben? So schlimm, dass ein Julius Streicher in seinem Nürnberger Prozess zu seiner Verteidigung sinngemäß sagen konnte: ‚Was ich getan habe, das könnt Ihr bei Martin Luther nachlesen. Zu nichts anderem hat er in seinen Schriften gegen die Juden aufgefordert.’

Ach ja, ideal hätten wir es gern. Insbesondere sollen diejenigen ideal und ohne Fehl und Tadel sein, die uns Vorbilder sind, die eine wichtige Aufgabe für das Ganze in der Kirche, in Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik haben.
Doch sie sind alle angreifbar, denn sie sind alle Menschen.  Und das ist berechtigt sie anzufragen, insbesondere dann, wenn sie eine Grenze überschritten haben. Also, wenn sie ihr Amt zum eigenen Nutzen missbrauchen – immer wieder hören wir von Korruptionsvorwürfen aus der weiten Welt und wie sie sich bestätigen; oder wenn Menschen als Autorität ihr Amt und ihre Stellung missbrauchen und die unverletzliche Würde eines Menschen verletzen – ich denke, an die me-Too-Bewegung, die so unglaublich viele Grenzverletzungen endlich öffentlich macht; oder wenn ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Kultur verfemt und verfolgt werden. Wie furchtbar, auch einen Martin Luther als Sohn seiner Zeit, ja, des jahrhundertealten christlichen Antisemitismus zu erkennen; und noch furchtbarer, wie und dass die Nazis sich auf ihn berufen haben. Da braucht es eine klare Korrektur, eine biblisch begründete Kritik an dieser Seite von Martin Luthers Theologie. – Und es braucht die klare Aussage zur unverletzlichen Würde jedes Menschen in unserem Grundgesetz. Umso empörender ist, wenn heute in unserem Land erneut gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit um sich greift; wenn z. B. einer  grölende Zustimmung erntet, der Menschen türkischer Herkunft pauschal als ‚Kümmelhändler’ und ‚Kameltreiber’ bezeichnet. Das ist keine Politsatire. Das ist beabsichtigte Provokation und ein Austesten, wie weit man gehen kann mit Grenzverletzungen. Und das braucht unseren Widerspruch und Widerstand; denn es setzt auf das Böse im Menschen, auf Hass und Menschenverachtung – auch wenn es in anderem Gewand daher kommt.

Was hat das mit Martin Luthers Sterbetag und v. a. mit dem Predigttext zu tun, der uns für heute gegeben ist?
Es geht bei dem allem um Ideal und Wirklichkeit, um ‚schon’ und ‚noch nicht’, und darum, wie das eine auf das andere einwirkt und einwirken kann.
Der Apostel Paulus muss sich vor der Gemeinde in Korinth mit seinen Gegnern auseinandersetzen. Sie bemängelten, dass er keinen klaren, keinen leuchtenden Beweis für sein Apostolat erbringen konnte, keine Wunder und Krafttaten. Ideal und Wirklichkeit, Vision und Realität – wie passen die zusammen? So kann man auch Martin Luther anfragen und ihn in Bausch und Bogen verurteilen. Und so kann man den christlichen Glauben anfragen, die Christen müssten erlöster aussehen und wie die Anfragen lauten. Wie gut, dass Martin Luther getrost sterben konnte; aber gut nicht deshalb, weil damit sein rechter Glaube bewiesen wäre. Gut nur deshalb, weil Gott dies geschenkt hat. Gut, weil in Gottes Liebe beides gehalten ist: Misslingen und Gelingen, Versagen und Erfolg haben. Das meint Paulus, wenn er, so der heutige Predigttext, schreibt:
1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt.
2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Es geht um Gottes Gnade –nicht um unsere Werke. Das ist der Kern des Evangeliums. Das ist der Kern, wie ihn Martin Luther wieder in die Mitte gestellt hat: die Gnade in Christus.
Müsste sie nicht wirken und die traurige Wirklichkeit ganzüberwinden? ‚Ja’, sagt Paulus; aber auch: ‚Nein!’ und er beginnt mit dem ‚Nein’. Denn: Wir leben noch in der alten Schöpfung. Und darin, so fährt er fort, (3) „geben (wir) in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; (4) sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld...“.

Das ist die Überschrift: „in großer Geduld“. Ja, wir stellen uns unter die Verheißung der neuen Schöpfung und warten – mit Geduld – , dass sie eingelöst wird. Das ist schwer, weil das Alte noch herrscht. Neun Dinge zählt er auf, in denen das Alte herrscht und ihn in seinem Glauben bedrängt: „...in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, (5) in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten ...“. Das ist Jesu Passion, das ist die Passion, das Leiden seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger. Solches hat auch ein Martin Luther erfahren und erfahren Millionen von Christen heute weltweit: Die alte Schöpfung ist noch nicht überwunden. Sie bedrängt uns. Sie macht uns leiden. Martin Luther hat dies bis ins Körperliche hinein geplagt.

Allerdings: Gottes Geist schenkt uns mitten dahinein Gaben, Gnadengaben der neuen Schöpfung. Entsprechend der Nöte zählt Paulus jetzt neun Geschenke Gottes auf, die die Geduld stärken, die Boten der neuen Schöpfung sind. So kann er seinen, so können wir unseren Dienst auch tun: „(6) in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, (7) in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken“. Diese Gaben Gottes sind ein Widerspruch zur alten Schöpfung. Sie sind ‚wie punktuelle Attacken, die der neuen Welt inmitten der alten Welt Raum schaffen’. Sie helfen gegen Resignation. Und sie setzen unter Spannung.

Davon war auch das Leben Martin Luthers geprägt: Die Spannung aushalten, in die wir durch die Gaben des Reiches Gottes gestellt sind. Das Unkraut mit dem Weizen wachsen lassen; das Ideal, Gottes Reich, weder mit Gewalt herbeizwingen noch es aufgeben.

Hören wir Paulus weiter, in welche Spannung ihn dies versetzt, auch einen Martin Luther, auch uns: „(8) in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; (9) als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; (10) als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und dennoch alles haben.“
Entscheidend sind die Machtworte gegen das Alte: „und doch..., und siehe..., aber...., dennoch“.  Das sind ‚Worte des Einspruchs gegen das Weltgeschehen’. Sie kommen her und sind verankert im Widerspruch Gottes gegen die alte Welt, die sich von ihm abwendet. Aber Gott gibt diese alte Welt nicht einfach auf. Er zerstört sie nicht. Vielmehr ist er ihr treu. Er will, er wird sie verwandeln mit seinen Gaben des Friedens und der Gerechtigkeit. Er will sie verwandeln mit Geduld, auch mit unserer Geduld. Es ist wie mit den Christrosen, auch diese hier auf Ihrer Kanzel verkündigen es: Gottes Reich blüht mitten in der alten kalten Welt auf. Mitten in der alten Welt des Todes ist der Keim des Lebens, der neuen Schöpfung eingepflanzt.

Das setzt in Spannung. Das braucht Geduld. Und das gibt uns Widerworte, auch heute, Widerworte, die es nicht der alten Welt gleich tun, in Gewalt und Hetze oder Verunglimpfung; Widerworte vielmehr, die wie Blumen der neuen Schöpfung bereits heute leuchten. Sie treten auf „in Langmut, in Liebe, in Freundlichkeit, mit dem Wort der Wahrheit, mit den Waffen der Gerechtigkeit.

So danken wir Gott für alle Zeuginnen und Zeugen, die diese Spannung, in die das Evangelium setzt, halten konnten, die weder in Resignation verfallen sind noch das Ideal herbeizwingen wollten. So danken wir Gott für Paulus und Martin Luther und die vielen, deren Namen bei uns vergessen sind. Und bitten ihn, dass er auch uns die Gnadengaben seines Reiches schenke und sie immer wieder in uns stärke. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.