Predigt von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 27. November 2016

über Jer 23, 5-8 im Festgottesdienst am 1. Advent (27. November) 2016 zur Eröffnung der 58. Spendenaktion Brot für die Wet in der St. Georgenkirche zu Eisenach

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde am ersten Advent!
Wie geht es Ihnen mit der Hoffnung? Wohnt sie bei Ihnen? Hat sie ein Zimmer oder wenigstens ein Zimmerchen in Ihrem Leben? Hat sie eine Ecke in Ihrem Herzen? Oder wo wohnt sie?
Und, wenn Sie bei Ihnen lebt, wie bleibt sie lebendig? Woraus speist sie sich? Wovon wird sie genährt? Oder ist sie schon fast aufgezehrt? Aufgezehrt von vielen Enttäuschungen? Oder einem Schicksalsschlag?
Und: Wie groß darf sie werden, die Hoffnung? Darf sie so groß werden, dass sie auch aus dem Haus Ihres Lebens heraus treten und auf die Straße darf? Anderen Menschen begegnen? Und deren Hoffnung dabei stärken?
Große Fragen!
Vielleicht sind Ihnen jetzt mehr Enttäuschungen vor Augen als Hoffnungen. Jedenfalls geht es mir so. Es ist gar nicht so einfach, Hoffnung zu behalten oder immer wieder neu Hoffnung zu schöpfen. So viel spricht gegen sie. Deshalb muss sie stark sein; so stark sein, dass sie stark genug ist um standzuhalten, wenn Enttäuschungen kommen.
Und Enttäuschungen kommen. Wie oft rauben sie der Hoffnung den Platz und das Recht! Und dann bleibt am Ende nur nüchterner Realismus und man denkt und sagt einander: ‚So ist das Leben eben. Sich bloß keine großen Hoffnungen machen. Dann kann man auch nicht enttäuscht werden.’
Oh ja, die Frage ist berechtigt, wo die Hoffnung wohnt! Allein der nicht enden wollende Krieg in Syrien. Die anderen Kriege und Konflikte. Und was wir eben gehört haben, als ein Beispiel von so vielen in der Welt. Wie die Menschen vom Land in die Stadt ziehen und ein besseres Leben suchen, aber dort noch ärmer werden. Und (weniger und) schlechter zu essen haben. Desolat ist ihre Situation. Wo soll da Hoffnung wohnen?
In eine desolate Situation hinein sprach der Prophet Jeremia vor über 2600 Jahren. Die politischen Führer des Volkes hatten nur ihren eigenen Nutzen im Sinn gehabt. Fern von Gottes Willen für Recht und Gerechtigkeit hatten sie ihren Vorteil gesucht und zwischen den Mächten der damaligen Welt taktiert – und verloren. Vergeblich hatte Jeremia ihnen sein „Wehe“ entgegengerufen und sie gewarnt. „Wehe euch! Ihr seid schlechte Hirten! Ihr kümmert euch nicht um die Menschen, die euch anvertraut sind. Ihr sorgt nicht für Recht und Gerechtigkeit im Land. Im Gegenteil: Ihr bedrückt Fremdlinge, Witwen und Waisen und wirtschaftlich Schwache. Statt Gott zu dienen, lasst ihrs euch in herrlichen Häusern wohl sein!“ Sie hatten nicht auf ihn gehört. So haben sie das Land an den Abgrund geführt. Nun ist es von fremder Macht besetzt. Und der König und die oberen Zehntausend sind nach Babylon deportiert. Was soll werden?
In diese desolate Situation hinein spricht der Prophet Jeremia ein Hoffnungswort. Er kündigt andere Tage an. Hört den Predigttext aus Jer 23 die Verse 5-8:
5 "Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
8 sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“

Ein Tor der Hoffnung richtet Jeremia mitten in eine desolate Situation hinein auf. Dieses Tor hat zwei Pfeiler. Und zwischen diese zwei Pfeiler ist die Hoffnung gespannt.
Der eine Pfeiler ist die Erinnerung an Hilfe in der Vergangenheit. Jeremia erinnert die Menschen daran, wie Gott ihnen schon einmal in aussichtsloser Lage geholfen hat. Aus der Sklaverei in Ägypten hat er sie herausgeführt. Er hat sie befreit aus schlimmer Knechtschaft. ‚Erinnert euch! Gott ist Euer Befreier!’ Das ist der eine Pfeiler, an dem sich die Hoffnung festmachen kann. Die Erinnerung an Hilfe in der Vergangenheit.
Und der andere Pfeiler ist ein Blick in die Zukunft: Gott wird wieder helfen. Er ist treu. Auf ihn ist Verlass. Er ist der gute Hirte. Er wird euch wieder befreien aus dieser trostlosen Lage.
Das ist der zweite Pfeiler, an dem sich die Hoffnung festmacht.
Hat man bisher gesagt: „So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“ (V. 7), so wird man künftig sagen: „So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“
So spannt sich die Hoffnung aus zwischen zwei Pfeilern, die an Gottes Hilfe erinnern: Wie in der Vergangenheit, so wird er auch in Zukunft helfen.
Und da haben wir die Antwort, wo die Hoffnung wohnt: Sie wohnt an diesem Tor, ausgespannt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie hofft: Mit Gottes Hilfe wird sich die Tür auftun, die Tür zu anderen Verhältnissen, zu gerechten Verhältnissen. So rufen auch wir: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit! ... Er ist gerecht, en Helfer wert ...“. Ja, „machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch“, für Gott und seine Gerechtigkeit!
Denn darum geht es. Um gerechte Verhältnisse.
Es kommen Tage, da werden Gerechtigkeit herrschen und Recht. Wir hören als Christen diese wunderbare Verheißung an das Volk Israel mit. Durch Jesus Christus haben wir teil an ihr.
Durch sein Leben sprosst Hoffnung auf, auch für uns Menschen aus den anderen Völkern.
An seinem Leben sehen wir, wie er unter Gottes Gebot lebt und allen Menschen Gerechtigkeit zukommen lässt:
Er wendet sich den Verzweifelten zu und überlässt sie nicht sich selbst.
Er geht auf Kranke und Aussätzige zu und heilt sie und lässt sie nicht links liegen.
Er geht auf Fremde zu und lässt sie zu ihrem Recht kommen – ohne Angst.
Er gibt Enttäuschten Mut.
Die Zufriedenen rüttelt er auf und sagt ihnen: Ihr habt mehr zu hoffen, ihr habt mehr zu erwarten von Eurem Leben, lasst Euch nicht vorschnell zufrieden stellen oder abspeisen.
Jesus gebraucht dafür keine Macht, die überwältigt. Dazu hatte ihn ja der Teufel verführen wollen. Was er bringt, wächst langsam und zart. Es verändert nicht von jetzt auf gleich. Es kommt nicht durch Umsturz oder das Wort eines starken Mannes. So sanftmütig wie er ist, so handelt er auch:
Verletzlich wie ein junger Keim ist er – und mit Fingerspitzengefühl für die Verletzten. Klein wie ein Keim ist er – und hat ein Auge für die Kleinen. Seine Botschaft von Gottes Liebe keimt langsam. Sie wächst durch Menschen in die Welt hinein.

So wirkt die große Hoffnung auf Gerechtigkeit bis heute und bewegt so viele Menschen auf der Welt. Sie stärkt die, die resignieren wollen. Sie schließt die zusammen, die sich nicht abfinden wollen mit Ungerechtigkeit und Unrecht, mit der großen Schere zwischen Arm und Reich, mit Leiden und Not der einen und Überfluss und Reichtum der anderen. Auch in der Aktion ‚Brot für die Welt’ lebt diese Hoffnung. Jahr für Jahr wird sie durch viele kleine Spenden genährt. Und Jahr für Jahr stärkt sie in vielen Projekten Menschen. Sie stärkt sie, selbstverantwortlich ein menschenwürdiges Leben zu führen. Sie stärkt sie, nicht aufzugeben, wenn es um ihr Recht geht und um ihr Leben – um ein gerechtes Leben.

Wunderbar, liebe Rita Surita, dass Sie uns zeigen, wie Sie die Hoffnung stark machen. Wie Sie sie nähren, die liebe Gefährtin in schwierigen Verhältnissen! Aus Ihren Worten kann ich spüren, welche Kraft die Hoffnung Ihnen und allen im Projekt gibt; Kraft, nicht aufzugeben, auch wenn die Aufgabe riesig ist und endlos scheint.
Hoffnung gibt Kraft, Kraft im Herzen.
Ich bin froh, dass diese Erfahrung auch in meinem Leben liegt. Wie sehr hat mich in einer schweren Krankheitszeit gestärkt, dass ein Arzt wie ein Engel, wie ein Bote Gottes, mir beigestanden hat. Ich hoffe, auch Sie haben solche guten Erfahrungen, die Ihrer Hoffnung Nahrung geben, dass Sie sie trägt, gerade in dunklen Tagen.
Hoffnung gibt Kraft, Kraft im Herzen. Und diese Kraft fließt dann in Hände und Füße. Sie stärkt uns, zu handeln; Zeichen der Hoffnung zu setzen: es geht auch anders. Hoffnung sucht die Alternative. Ihr Projekt zeigt, wie politisch Verantwortliche – als gute Hirten - für Gerechtigkeit sorgen können, indem sie für gerechte Handelsbeziehungen sorgen und für ein gesundes Essen. Ja, die Hoffnung bleibt lebendig in unserer Welt in Gottes Hilfe durch Menschen. Viele gute Erfahrungen nähren sie und machen sie stark. Und nähren sich zugleich an Gottes Treue und Versprechen für Gerechtigkeit für alle.

Ja, es kommt die Zeit, es kommen Tage, da werden Gerechtigkeit herrschen und Recht. Da werden alle zu ihrem Recht kommen. Genug zu essen und zu trinken haben. Nahrhaftes Essen und sauberes Wasser wird für alle reichen. Und Friede wird sein. Alle werden sicher wohnen. Niemand muss mehr fliehen. Kein Mensch sein Land mehr verlassen. Alle haben ein gutes Leben. Keiner wird mehr durch Not vertrieben.

So warten wir mit brennender Geduld auf den, der Hilfe bringen wird. Und gehen bereits Schritte auf dem Weg der Gerechtigkeit, seinem Reich entgegen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.