18.08.2019
Predigt von Propst Christoph Hackbeil zu Phil 3, 7-14 am 18.August 2019 in Magdeburg

Anlässlich der Goldenen und Diamantenen Ordination

Was ist mir Gewinn, was ist mir Schaden gewesen – fragt Paulus in diesen Worten. Und er liefert eine wunderbare Vorlage, um auf den 50- bzw. 60-jährigen beruflichen Weg als Pfarrer zu blicken. Die Ordination war der Startpunkt ins Pfarramt. Die Wege, die folgten, brachten Gewinn, aber kosteten auch etwas. Auf der positiven Bilanzseite ist zu finden: gewonnene Nähe zu Menschen, intensive Begleitung an Übergängen im Leben, Freiheit und Kreativität in der Verkündigung, ständiges Vertiefen in die Schrift, Gemeinschaft mit haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern, mit der Gemeinde.

Auf der Verlustseite steht vielleicht, dass das Familienleben weithin vom Dienst bestimmt war und die Gemeinde immer zuerst kam, dass kühne Pläne an den Grenzen der Institution Kirche aber auch am Beharrungsvermögen von Gemeinden scheiterten. Schmerzliche Verluste bedeuteten immer Menschen, die sich von der Kirche trennten. Hinzu kam in Ihrer Generation, die 20 bzw. 30 Jahre Dienst in der DDR tat, mancher materieller Verzicht, wie z.B. einfach ausgestattete Pfarrhäuser.

Mit dem Weg in den kirchlichen Dienst gingen Sie auch verloren dem Sozialismus, der Volkswirtschaft, vielleicht der nationalen Volksarme, aber auch den Berufsplänen der möglicherweise ehrgeizigen Eltern und einem Teil des Freundeskreises – spätestens mit der Übertragung einer fernen Landpfarrstelle. Aber Sie haben ganz Neues und Wunderbares gewonnen - einen Weg mit Jesus. Und für den sagen wir hier gemeinsam Dank. Ihm sind Sie gefolgt bis heute. Und diesen Weg teilen Sie mit allen, die hier Gemeinde sind. Wir alle können überlegen, was für uns am Glauben von Gewinn ist.

Paulus ist sich gewiss: Jesus Christus ist für ihn der Hauptgewinn. Und dieser liegt in der Beziehung, die ihn ganz erfüllt, aber auch beansprucht. Er ist von nichts so sehr erfüllt, als von der übermächtigen Erkenntnis Jesu Christi. Durch ihn wurde ihm eine neue Sicht auf sein Leben geschenkt. Er sieht auch die Welt aus einem anderen Blickwinkel. Er erlebt das Wirken der Gnade an sich, die ihm erlaubt mit sich selbst gnädig zu sein. Und er spürt Gottes Geist, der ihn treibt, diesem Jesus Christus weiter nachzufolgen.

Für ihn geht er durch Entbehrung, Leiden, ja Gefängnis. Und in allem kann er nur staunend und dankbar feststellen, dass dieser Jesus Christus bei ihm ist. Alles ist in die Christusbeziehung eingebunden. Kein Ort ist ohne ihn, keine Stunde verloren. Alles wird durch Christus, in Christus zum Gewinn. Das ist eine Erkenntnis, die ihn verwandelt. Ja sie beansprucht ihn, aber sie gestaltet ihn auch um. Sie wirkt als verändernde Kraft an ihm und nimmt ihn in einen lebenslangen Prozess der Umwandlung hinein.

Weil er erfasst, wie tief er mit Christus verbunden ist, ruft er aus: „mein Herr“. Er weiß, dass Gott unverfügbar bleibt, nicht sein Besitz. Aber er ist von Christus ganz ergriffen. Darum schreibt er: „mein Herr“. Und diesen Herrn preist er im gleichen Philipperbrief als den, der sich erniedrigt hat für alle Menschen, der arm wurde, der sich leer gemacht hat und das göttliche Wesen nicht als Besitz ansah. Ohnmächtig starb er am Kreuz. Und so wurde er der Bruder der Menschen. Mit ihm auch durch Verluste und Leiden zu gehen, wäre Gewinn.

Doch nicht immer ist es einfach zu bestimmen, was Gewinn oder Verlust ist. Gerade in Zeiten des Umbruchs ist vielleicht von Schaden, was vorher Gewinn war. Vor der friedlichen Revolution 1989 war die Parteimitgliedschaft in der SED von Gewinn, die Kirchenmitgliedschaft Schaden. Hinterher war es anders, wenn auch nicht umgekehrt. Die Frage, was an der Wiedervereinigung Gewinn oder Verlust war, bewegt die Menschen heute wieder mehr. Gewonnen haben wir viele Freiheiten. Aber gerade die 90er Jahre brachten für viele Menschen massive Verluste z.B. an beruflicher und sozialer Sicherheit und Identität. 

Ich lese auch von dem Paulus, der Gewinn und Verlust für sich völlig neu sortieren muss, seit er Christ geworden ist. Und um sich das Abwägen leichter zu machen, schreibt er überzogen scharf über die Zeit davor. Mist sei alles, was er vorher gemacht hat. Ist damit nun das Judentum gemeint? Ja und nein. Er meint den von ihm gewählten Weg im Judentum, seinen perfektionistischen Anspruch an sich und andere, seine kompromisslose Rechthaberei. Das sieht er jetzt als Schaden, als von ihm verursachte Belastung des Gottesverhältnisses.

Dennoch steht er weiter im Judentum. Doch das war damals wie heute ganz vielfältig und geprägt von Widersprüchen um der Wahrheit willen. Dass er so scharf spricht, zeigt wie radikal er zur Umkehr, zur Neuausrichtung bereit ist. Ein antisemitischer Missbrauch dieser Stelle muss zurück gewiesen werden. „Mist, Dreck, Müll“ – Paulus zeigt sich einfach leidenschaftlich. Auch wenn mir mal ein „Mist“ entfährt; letztlich suche ich nach einem versöhnten Ansatz, um von den Verlusten in meinem Leben, von seinem Mangel zu sprechen.

Reden wir doch offen von dem, was uns fehlt. An unserer Kirche und ihrem Personal wird schnell ausgemacht, was fehlt. Und in einer Gesellschaft der Gewinner erscheint vieles als unentschuldbarer Mangel. Doch es ist gerade heilsam, von dem auszugehen, was fehlt. „Die Kirche kümmert sich zu wenig“, sagen Menschen. Das ist der Ton des Vorwurfes. Der Ton des Glaubens sagt es etwas anders: „Ich vermisse, mir fehlt etwas. Mir fehlt Gott – innerhalb und außerhalb der Kirche.“ Aber in diesem Fehlen klingt die Sehnsucht an.

Für den französischen Theologen und Kulturphilosophen Michel de Certeau ist die Geburtsstunde der Kirche Himmelfahrt, nicht Pfingsten. Da stehen die Jünger da und merken: er ist zum Himmel aufgefahren, er ist nicht mehr da. Er fehlt. Das setzt sie in Bewegung. Das macht sie offen für Gottes Geist. Der Mangel schafft Raum für Kreativität, Jesus nachzufolgen. Wer mit Sicherheit weiß, was ihm fehlt, betritt den Weg des Suchens. Das Sehnen ist sein Ausgangspunkt.
Wir sollen nicht zuerst suchende Menschen für die Kirche gewinnen, sondern uns von Gott für die Suche nach ihm gewinnen lassen. Dazu gehört, dass wir in unseren Gemeinden, in unserer Kirche sagen, was fehlt, was wir vermissen, was wir uns wünschen. Damit treten wir in eine Haltung ein, die sehnsuchtsvoll, betend und hoffend ist. De Certeau beschreibt die dauerhafte Erwartungshaltung des Christen, dessen Hauptgewinn noch aussteht, anhand der Übung von christlichen Wüstenmönchen der Spätantike:
„Sie verbrachten die ganze Nacht aufrecht stehend in einer Haltung der Erwartung. Mit zum Himmel erhobenen Händen wandten sie sich jenem Punkt am Horizont zu, an dem morgens die Sonne aufgehen würde. Die ganze Nacht hindurch erwarteten diese Körper der Sehnsucht den Aufgang des Tages. Sobald am Morgen die ersten Sonnenstrahlen ihre Handflächen berührten, durften sie innehalten und ausruhen. Die Sonne war aufgegangen. Was uns erreicht, ist genau jener Strahl, der beginnend mit dem Berühren der Handflächen nach und nach die ganze Landschaft verändert.“


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