Predigt von Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt am 07.02.2016

beim Gottesdienst zum Konvent evangelischer Theologinnen der EKD in Neudietendorf

Liebe Schwestern,

 

über 30 Jahre ist es her.

Gerade hatte ich mein Theologiestudium in Göttingen begonnen.

Es waren friedensbewegte Zeiten.

Nato-Doppelbeschluss.

An der Göttinger Uni rumorte es heftig.

Lange Diskussionsrunden.

Im theologischen Stift, in dem ich damals wohnte, wurde ebenfalls oft und viel diskutiert.

Wie sollte ich mich, wie sollten wir uns positionieren?

Was konnte, was sollte, was musste ich tun?

Was konnten, was sollten, was mussten wir gemeinsam tun?

An der Göttinger theologischen Fakultät gab es damals etwas, was für mich völlig neu war:

Ein Frauenplenum.

Hier hatten nur Frauen Zutritt.

Und hier diskutierten auch nur Frauen.

Ja, frauenbewegte Zeiten waren es damals auch (noch).

Eine Diskussionsrunde ist mir noch besonders in Erinnerung.

Es ging darum, wie Frauen ihre Meinung auch in den goßen, geschlechtergemischten Uni-Diskussionsveranstaltungen gut und vernehmlich einbringen konnten.

Ein Zauberwort machte damals die Runde:

Frauenerstrederecht.

Es hat dann übrigens an der theologischen Fakultät

in den studentischen Versammlungen tatsächlich für eine Weile existiert.

Aber davon will ich jetzt gar nicht erzählen.

Sondern davon, dass über diese Forderung nach einem Frauenerstrederecht auch im Frauenplenum sehr kontrovers diskutiert wurde.

Viele Frauen hielten das für gut, um die endlose Redeflut mancher etablierter männlicher Redner endlich einmal durchbrechen zu können - und gehört zu werden.

Andere fühlten sich gerade durch ein Frauenerstrederecht diskriminiert - als ob Frauen einen besonderen Schutz bräuchten, um sich äußern zu können.

Na ja, alles alt bekannte und immer wieder und immer noch bediente Argumentationslinien - auch in ganz anderen Zusammenhängen.

Es ging also auch im Frauenplenum ziemlich hoch her.

Mitten in der engagierten Diskussion, in der sich nach einiger Zeit tiefe Gräben zwischen den anwesenden Frauen auftaten, stand auf einmal ein Frau auf und sagte laut, klar und unglaublich entschieden und sicher:

„Damit das hier mal klar ist - Nicht jede Frau ist meine Schwester.“

 

„Nicht jede Frau ist meine Schwester.“

Dieser Satz hat gesessen.

Mich hat er damals lange beschäftigt.

Hatten Frauen doch gerade erst wenige Jahrzehnte zuvor entdeckt und setzten darauf, dass Geschlecht eine über alle sonstigen Unterschiede hinweg

verbindende Kategorie ist.

Dass es nötig war, sich aufgrund dieser Kategorie zu solidarisieren, als Frauen zusammenzuhalten.

Sich als Frauen gegenseitig zu unterstützen.

„Sisterhood is beautiful.“

Und doch:

War denn wirklich jede Frau der anderen Schwester?

Konnte sie es sein, wenn Interessen, Meinungen, das eigene Selbstverständnis und die Antworten auf die Frage, wie das eigne Frau-Sein in dieser Welt erlebt und gedacht wurde,

so sehr verschieden waren?

 

„Nicht jede Frau ist meine Schwester.“

Dieser Satz fiel mir wieder ein im Blick auf Ihr Tagungsthema „Christinnen am rechten Rand der Gesellschaft“.

Er fiel mir mit genauso ambivalenten, zwiespältigen Gedanken und Gefühlen wie damals.

„Nicht jede Frau ist meine Schwester.“

Dieser Satz fiel mir auch wieder ein beim Lesen des Predigttextes, den wir für heute abgesprochen haben.

Der Frage Jesu nach den wahren Verwandten.

Ich lese ihn in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache:

Jesu Mutter und Geschwister kamen, standen vor dem Haus und ließen ihn zu sich rufen.

Um Jesus herum saß eine Volksmenge.

Da sagten einige zu ihm:

„Deine Mutter, deine Brüder und deine Schwestern

sind draußen und suchen dich.“

Er antwortete ihnen und sagte:

„Wer ist meine Mutter?

wer sind meine Geschwister?“

Er schaute sich um,

sah sie im Kreis um ihn herum sitzen

und sprach:

„Ihr seid meine Mutter und meine Geschwister.

Alle, die den Willen Gottes tun,

sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter.“

 

Mich bewegt an dieser Antwort dreierlei.

Zunächst:

Jesus argumentiert, wie so oft, quer zu den Denkmustern und der Logik der Fragestellenden.

Wer die eigenen Verwandten sind, ist eigentlich ja klar:

Frauen und Männer, mit denen es familiäre Zusammenhänge gibt, die sich auf Geburt und Zeugung stützen.

Und genau diese Logik setzt Jesus außer Kraft:

Nein, nicht Herkunft, Geburt und Zeugung sind entscheidend für die Bindung und Zugehörigkeit zu Jesus.

Entscheidend ist allein die Frage, ob jemand den Willen Gottes tut.

Ein alle Grenzen überschreitender Universalismus also.

Einer, der bisherige Kategorien und Grenzsetzungen aufhebt:

Herkunft, Alter, Geschlecht, körperliche Verfassung, Geburtsort, sozialer Status - egal.

Egal, aus welchem Land du zugereist bist.

Egal, ob Menschen aus deiner Heimat Terroristen sind.

Egal, ob du in der richtigen Partei bist.

Egal, ob du hier geboren bist oder deine Eltern und Großeltern.

 

„Alle, die den Willen Gottes tun,

sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter.“

Jesus argumentiert inklusiv, nicht exklusiv.

Eigentlich trifft er damit gar keine Entscheidung, wer zu ihm gehört und wer nicht.

Sondern er stellt es in die Entscheidung jeder und jedes Einzelnen, wie sie, wie er sich zu ihm verhält.

In welches Verhältnis zu ihm tritt.

Und damit sich selbst zu seiner Verwandten macht - oder eben nicht.

 

Das zweite, was mich an dieser Antwort bewegt:

Diese Inklusivität ist nicht statisch, sondern dynamisch.

Sie ist, um es mit einem weiteren modernen Wort zusagen, hybrid, flüssig, durchlässig.

Sie bedeutet, dass es keinen ein für allemal festgesetzten Verwandtheitsstatus gibt.

Und damit auch keine ein für allemal fest umrissene Gemeinschaft von Verwandten.

„Alle, die den Willen Gottes tun, sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter.“

Die Gemeinschaft, die sich aus dieser Beschreibung konstituiert, kann sich verändern,

immer wieder neu zusammensetzen.

Es können welche dazukommen.

Und, so höre ich es auch, es könnte auch sein, dass man sich selbst aus dieser Gemeinschaft wieder ausschließt.

 

„Alle, die den Willen Gottes tun, sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter.“

Wir würden heute wohl von so etwas wie einer Wertegemeinschaft sprechen.

Wer die Werte dieser Gemeinschaft teilt und lebt, gehört dazu.

Wer das nicht tut, gehört nicht dazu.

Und was der grundlegende Wert dieser Gemeinschaft, der Verwandtschaft mit Jesus ist, ist hinreichend beschrieben.

Wir haben es in den heutigen Lesungen gehört:

Die Weisungen Gottes in der Tora, in den Geboten, das höchste Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.

 

Allerdings, und das ist dritte, was mich an dieser Antwort beschäftigt:

Was genau das Tun des Willens Gottes ist, was das jeweils konkret heißt, ist ja bisweilen durchaus umstritten.

Manches, was auf den ersten Blick eindeutig und klar erscheint, bekommt beim genaueren Hinsehen noch andere Aspekte hinzu.

Sich am Willen Gottes zu orientieren, bedeutet deshalb immer und immer wieder, die eigene Antwort auf die Frage nach dem Willen Gottes ins Verhältnis zu setzen.

Ins Verhältnis zu dem, was in der Heiligen Schrift zu lesen ist.

Ins Verhältnis auch zu den Antworten anderer Glaubensgeschwister.

Und die Antworten der anderen auf deren Verhältnis zu dem, was in der Heiligen Schrift zu lesen ist, zu befragen.

Die eigene wie die anderen Antworten zu prüfen.

Und dann aber auch zu einer Position zu gelangen.

Keine leichte Aufgabe.

Vor allem, weil sie unter keinen Umständen von dem entbindet, was in komplex erlebten Gesellschaften und Zeiten für immer mehr Menschen immer anstrengender zu werden scheint:

Nämlich tatsächlich selbst zu denken.

Selbst, eigenständig, - aber: denken.

Für die Philosophin Hannah Arendt war gerade das Denken das, was den Menschen als Person ausmacht.

Wer das Denken aufgibt oder an andere abgibt, funktioniert nur noch, wird banal.

Oder, um es mit der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach zu sagen:

„Selbstdenken ist der höchste Mut. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln.“

 

„Alle, die den Willen Gottes tun, sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter.“

„Nicht jede Frau ist meine Schwester.“

 

Ich denke:

In unserem Alltag, persönlich, vor allem aber beruflich, bewegen wir uns genau zwischen diesen beiden Polen:

Auf der einen Seite die inklusive, einladende Antwort Jesu, die sich allen zuwendet und allen gilt.

Auch denen, von denen ich es mir nicht vorstellen kann.

Aber auch mir, von der ich es mir auch nicht immer vorstellen kann.

Und auf der anderen Seite die exklusiven Antwort, die bisweilen notwendige Grenzziehungen vollzieht.

Die formuliert, was mich, was uns, aufgrund meines, unseres Verständnisses der Heiligen Schrift, von anderen trennt.

 

Wenn dabei die bisweilen nötige exklusive Antwort „nicht jede Frau ist meine Schwester, nicht jeder Mann ist mein Bruder“ im Licht des Glaubens und des Vertrauens steht, dass nicht meine Antwort die entscheidende ist, sondern dass allein Gott entscheidet, wer seinen Willen tut und wer deshalb zu Jesu wahren Verwandten gehört, dann hält das genau den Raum offen, in dem die Barmherzigkeit und Liebe Gottes Menschen verändern.

Hält genau den Raum offen, den allein die Gnade baut. Den Raum, den wir selbst genau so brauchen, genau so bitter nötig haben, wie alle anderen auch.

Denn, um nach so viel praktiziertem Frauenerstrederecht zum Schluß dieser Predigt im Kernland der Reformation doch noch den Dr. Martinus zu zitieren -

 „Der Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal drüber stürbe, und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und allen Kreaturen.“

Amen.