Predigt von Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt am 7. April 2016

zur Eröffnung der Landessynode im Kloster Drübeck zu 1. Petrus 1, 1-2

Petrus, Apostel Jesu Christi,
an die Auserwählten,
die als Fremdlinge in der Diaspora leben,
in Pontus, Galatien, Kappadokien,
in der Provinz Asia und in Bithynien -
nach der Vorsehung Gottes, des Vaters,
in der Heiligung durch den Geist,
die zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi führt:
Gnade sei mit euch und Friede in Fülle.

"Ich muss ganz ehrlich sagen,
wenn wir jetzt anfangen,
uns noch entschuldigen zu müssen dafür,
dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen,
dann ist das nicht mein Land.“
Man kann sich fremd fühlen in diesem Land.
Selbst als Bundeskanzlerin.
Und auch nicht nur im September 2015.

"Es ist unerträglich,
dass Anwaltskanzleien und ganze Staaten
es sich zum Geschäftsmodell machen,
auf Kosten anderer Länder
und der dortigen Gemeinwohlaufgaben zu leben."
Man kann sich fremd fühlen in dieser Welt.
Ganze Staaten werden destabilisiert.
Menschen verhungern, verdursten, werden gemordet.
Kommen auf der Flucht davor jämmerlich um
oder werden an Grenzen aufgehalten.
Aber das Geld und die, die es lenken,
hat keine Grenzen.
Finanzströme finden unsichtbare Wege und Kanäle,
wohin auch immer es gehen soll.
Für Menschen aber gibt es so dichte Grenzen,
dass kein Durchkommen ist.

„Es ging einfach nicht mehr mit uns.
Zu Hause hatten wir uns nichts mehr zu sagen.
Dabei war gar nichts dramatisches passiert.
Wir wussten nur nicht mehr,
warum wir eigentlich zusammen waren.“
Man kann sich fremd fühlen in langjährigen Beziehungen.
Auch nach Jahrzehnten gemeinsamer Zeit,
nach -zig Hochzeitstagen und Familienfesten.

„Wenn das so weitergeht
mit den Stellenkürzungen,
mit den vielen Dauervakanzen bei uns,
dann ist das nicht mehr meine Kirche.“
Man kann sich fremd fühlen in der Kirche.
Vielleicht sogar als Mitglied der Landessynode.
Meine Kirche ist es übrigens auch nicht.
Es ist die Kirche Jesu Christi.

„Manchmal kenne ich mich mit mir selbst nicht aus.
Dann raste ich aus,
brülle die Kinder zusammen -
und später tut es mir dann so leid.
Weiß auch nicht, was los ist mit mir.“
Man kann sich selbst fremd sein.
Sich selbst fragend gegenüberstehen.
„Das Gute, das ich tun will,
das tue ich nicht;
das Böse, das ich nicht tun will,
das tue ich.“
Fremde sind wir zuweilen uns selbst.

Schmerzlich kann es sein, fremd zu sein.
Irritierend und verunsichernd.
Aber auch:
Wie gut kann es tun, fremd zu sein.
Nicht jeden Baum, jeden Strauch zu kennen.
Sich zu freuen an unbekannten Orten,
überraschenden Düften und Geschmackswelten.

Wie gut kann es tun, fremd zu sein.
Nicht Bescheid zu wissen über alles und jeden.
Keine alten Geschichten zu haben
mit dem oder der.
Statt dessen einen neuen und unverbrauchten Blick.
Einen Blick, der das,
was andere als unumstößlich ansehen,
bestenfalls skurril findet.
Einen Blick, der auch Menschen
anders als bisher sieht.
So, dass auch sie selbst
eine andere Seite von sich zeigen können.

Ja, wie gut kann es tun,
wenn mir ein Fremder,
eine Fremde begegnet.
Mit offenem Blick an mir sieht,
was andere nicht sehen mochten.
Mir etwas zutraut,
was mir bisher keiner zugetraut hat.
Eigentlich bin ich ja ganz anders -
endlich komme ich auch mal dazu.

Wie wohltuend, wenn ein Fremder
die Schönheiten meiner Umgebung sieht,
für die ich schon längst kein Auge mehr habe.
Wie schön, wenn jemand die Stärken meiner Gemeinde,
meines Kirchenkreises, meiner Landeskirche bewundert.
Stärken, die ich selbst vor lauter Alltagskram
und über manche Sorgen und Probleme
aus dem Blick verliere.
Die Besuche Fremder,
auch Visitationen sind deshalb etwas kostbares.
Weil sie einen fremder Blick auf Altvertrautes werfen.
Weil sie Begegnung von Fremden mit Fremden sind.
Selbst dann, wenn man sich schon kennt.
Denn wenn man einander sozusagen geplant
wieder fremd wird,
kann man Neues, Unerwartetes, Besonderes entdecken.
Eine Art der Begegnung,
die deshalb wohl ebenso sehr
skeptisch wie sehnsüchtig erhofft wird.

Als Fremde können wir sehen, bewundern, wertschätzen,
was Einheimischen schon gar nicht mehr als Besonderheit auffällt.
Als Fremde können wir kritisch wahrnehmen, anfragen,
wo Einheimische meinen, das sei doch ganz normal so.
Und wenn ein Fremder zu uns kommt,
wird er manches mit Begeisterung sehen und wertschätzen.
Und anderes mit Befremden, mit Kritik wahrnehmen und hinterfragen.
Die Begegnung mit Fremden lässt uns spüren,
dass es Alternativen gibt zu dem, was ist.
Dass alles auch ganz und gar anders sein könnte.
Das kann beunruhigen.
Oder befreien.
Das kann ermutigen.
Oder Angst machen.

Die Begegnung, mit einem,
der einen fremden, nicht festgelegten Blick auf uns hat,
der festgelegte Sichtweisen in Frage stellt,
der Alternativen zu dem lebt, was man kennt,
eine solche Begegnung
mag man sehnsuchtsvoll erwarten oder bangend befürchten.
Unberührt aber wird sie uns nicht lassen.
Und sehr Wahrscheinlich auch nicht unverändert.

Wie mag das mit dem Fremden sein,
der uns heute und hier begegnet?
Heute und hier in diesem Gottesdienst?
Heute und hier in, mit und unter Brot und Wein?
Dem Fremden, der von sich sagt,
dass er „das Brot des Lebens“,
„das Licht der Welt“ ist?
Dem, der von sich behauptet,
der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein?
Der uns mit einem unbefangenen, neuen Blick ansieht?
Ein Blick, vor dem wir nicht die Augen niederschlagen
oder vor Scham in den Boden versinken müssten.
Wie mag unsere Begegnung sein mit dem,
der so anders ist als wir sind.
Der nicht schaut, dass er möglichst viel rausholt,
blendend dasteht und gut wegkommt im Leben.
Sondern der alles, sogar sich selbst hingibt,
damit andere, ihm Fremde,
damit wir,
nicht gut dastehen müssen
und sogar vor dem Tod gut wegkommen.

Jesus, der fremde Menschensohn.
Uns manchmal vielleicht viel zu vertraut,
als dass wir seinen fremden Blick auf unser Leben
überhaupt noch wahrnehmen könnten.

Denn es ist doch ein zutiefst fremder Blick,
einer, der quer geht zu allen gängigen Lebensmaximen:
Dein Leben muss kein hochgestecktes Ziel erfüllen -
es ist ja schon gerettet.
Gewalt und Tod bedrohen das Leben auf dieser Erde -
aber Gottes Liebe erhält es.
Schuld und Versagen sind nichts, was du verstecken musst -
sie kleben nicht an dir wie Pech an der Pechmarie.
Sondern Gott vergibt sie und macht dein Leben neu -
so, als ob du neu geboren bist.
Und am Ende steht nicht das Nein des Todes,
sondern das Jeder Auferstehung.

Eine befremdende Sicht der Dinge, nicht wahr?
Eine verlockende Sicht aber auch, oder nicht?
Ob man ihr trauen kann?
Ob man dem, der die Dinge des Lebens,
der den Glauben so sieht,
ob man dem trauen kann?
Ob man mit ihm und seiner Sicht der Dinge
durchs Leben gehen kann?

Anstößig könnte das werden.
„Naiv“ mögen die einen dazu sagen.
„Unwissenschaftlich“ die anderen.
Manche lächeln mild-überlegen.
Andere schreien: „Volksverräter“.

Wer der anderen, fremden Sichtweise Jesu folgt,
wird selbst zum Fremdling.
Nicht fremd um des bloßen Fremdseins Willen.
Nicht anders, um einfach nur anders zu sein als alle anderen.
Aber fremd und anders,
wenn es die Liebe und Barmherzigkeit Gottes
erfordern, brauchen, ermöglichen.
Manches Selbstverständliche wird dann unverständlich.
Zuweilen mag einem dann gar die ganze Welt
unbehaust erscheinen, befremdlich und fern.
Aber umso mehr bedürftig
der Liebe und der Barmherzigkeit
des fremden Bruders Jesus.

Wer der anderen, fremden Sichtweise Jesu folgt,
wird ein Gast auf Erden.
Ein Fremder auf Durchreise.
Nicht gekommen, um auf immer zu bleiben.
Aber von Gott selbst ausgesucht,
um seine Liebe und seinen Frieden
spürbar werden zu lassen.
Von Gott selbst ausgesucht,
um das Fest seines Lebens zu feiern.
Wie das gehen kann?

Vielleicht so:
Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus,
was keiner denkt, das wagt zu denken,
was keiner ausführt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr ́s sagen,
wenn keiner nein sagt, sagt doch nein,
wenn alle zweifeln, wagt zu glauben,
wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken,
wo alle spotten, spottet nicht,
wo alle geizen, wagt zu schenken,
wo alles dunkel ist, macht Licht!

Ja, so mag es gehen.
Deshalb gilt der Gruß des 1. Petrusbriefes auch uns:
Ihr von Gott selbst ausgesuchten Fremdlinge,
die ihr als Minderheit lebt,
in Halle-Wittenberg und Eisenach-Erfurt,
in Gera-Weimar, Meinigen-Suhl und Magdeburg-Stendal.
Ihr, die ihr der zuweilen auch euch selbst
fremden Sichtweise des Jesus von Nazareth folgt,
die ihr durch die Taufe unzertrennlich mit ihm verbunden seid
die ihr im Abendmahl seine Gegenwart spürt -
Gnade sei mit euch
und Frieden in Fülle.
Amen.