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Predigt zu 5. Mose 6, 4-9 und Römer 5, 20, am 09.11.2025, Braunichswalde

Gottesdienst am 9. November 2025 in Braunichswalde (Landkreis Greiz) mit Predigt von OKR Dr. André Demut zu 5. Mose 6, 4-9 und Römer 5, 20

5. Mose 6, 4-9

 „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“

 

Römer 5, 20

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.

 

Liebe Gemeinde, 

sehr oft hat der junge Mönch Martin Luther das „Höre Israel“ gehört, nachdem er im Juli 1505, 21jährig, sein gerade begonnenes Jurastudium abbrach und ins Erfurter Augustinerkloster eingetreten war und seitdem mehrmals täglich umfangreiche Gebete verrichtete und Texte der Bibel hörte.

Wir wissen es: Er war besonders eifrig, nahm sich diese Aufforderung, Gott über alles zu lieben, besonders zu Herzen, meditierte darüber Tag und Nacht, strengte sich an, dieses Gebot wirklich und mit ganzem Herzen zu erfüllen. 

Nicht allein für die jüdische Religion ist dieses Bekenntnis zentral, das Bekenntnis zu dem einen Gott und die Aufforderung, IHN über alles zu lieben. 

Auch Christus stellt dieses Gebot in den Mittelpunkt, in drei der vier neutestamentlichen Evangelien heißt es an zentraler Stelle: 

… einer der Schriftgelehrten, der zugehört hatte, wie sie miteinander stritten, fragte Jesus: Meister, welches ist das höchste Gebot von allen? 

Und Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« Und das andre ist dies: 

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« 

Größer als diese beiden ist kein anderes Gebot.

So weit, so gut. 

Sonnenklar ist, was das Gute ist, dem wir nachstreben sollen. 

Auch heute hört man häufig einen Satz, dem ich ausdrücklich zustimmen möchte. 

Es ist ein Satz, der auch in ganz weltlichen Zusammenhängen häufig zu hören ist bei der Frage, was momentan nicht gut läuft in unserer Gesellschaft: 

Der Satz lautet: 
Wir haben kein Erkenntnisproblem – wir haben ein Umsetzungsproblem.

Luther im Kloster hatte auch kein Erkenntnisproblem, er hatte ein Umsetzungsproblem. 

Das Gute, das getan werden soll, ist sonnenklar.

Gott über alle Dinge lieben – und den Mitmenschen wie sich selbst. 

Das Problem besteht darin, dass zwischen Ideal und Wirklichkeit ein Riss klafft. 

Das Ganze verschärft sich noch, wenn wir bedenken, dass Luther selber, unser Reformator, dem wir so viel verdanken, sich mit Blick auf das ursprüngliche Volk Gottes, die Juden, schlimm versündigte. 

Die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit ist manchmal riesengroß. 

Bei Luther, in ein und demselben Menschen finden wir einerseits eine tiefe Erkenntnis der Liebe und Barmherzigkeit Gottes – und andererseits begegnen bei ihm ganz schlimme Hasstiraden gegen das jüdische Volk. 

Der negative Höhepunkt von Luthers Judenhass ist eine Schrift von 1543, drei Jahre vor seinem Tod von ihm veröffentlicht, „Von den Juden und ihren Lügen“ ist ihr Titel.

In diesem Pamphlet rief Luther die damalige Obrigkeit dazu auf, 

Juden ihren Besitz zu rauben, 

sie für vogelfrei zu erklären, sie zu verfolgen und zu vertreiben und ihre Synagogen niederzubrennen … 

Es klingt schlimmer als Goebbels im November 1938, wenn Sie diesen Text von Luther heute lesen. 

Auch die evangelischen Kirchen in Deutschland haben sich nach dem 9. November 1938 schuldig gemacht, sie haben weithin geschwiegen zu den Plünderungen, zu den Verwüstungen und dem Feuer-Terror gegen die Synagogen in Deutschland durch einen fanatisierten nationalsozialistischen Mob … einzelne Kirchenvertreter haben die Zerstörung der Synagogen damals ausdrücklich gerechtfertigt mit Verweis auf diese Hetzschrift von Martin Luther. 

Der damalige Thüringische Landesbischof Martin Sasse gab wenige Wochen nach der Reichspogrom-Nacht im Dezember 1938 Luthers Pamphlet von 1543 neu heraus und schrieb im Vorwort, wohlgemerkt, der damalige Thüringische Landesbischof, ich zitiere seine Worte: 

Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt.“   Zitat Ende. 

Es ist ein großes Wunder, eine nicht zu erklärende Gnade Gottes, dass ausgerechnet an einem 9. November 51 Jahre später die Mauer fiel. 

Es ist offensichtlich, dass die deutsche Teilung, Mauer und Stacheldraht und die Existenz zweier deutscher Staaten zwischen 1949 und 1990 das Ergebnis des von Deutschland vom Zaun gebrochenen Krieges im September 1939 waren.

Es ist ein großes Wunder, eine nicht zu erklärende Gnade Gottes, dass ausgerechnet an einem 9. November die Mauer fiel und damit der Anfang vom Ende der deutschen Teilung eingeläutet wurde. 

Allerdings: Es gibt in diesem irdischen Leben keine absolute Gerechtigkeit. 

Westdeutschland bekam nach 1945 von den westlichen Siegermächten 

Demokratie, 

soziale Marktwirtschaft und 

Grundrechte für alle Bürgerinnen und Bürger verordnet, mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wurde im Mai 1949 in den drei Westzonen die freiheitlichste Verfassung in Kraft gesetzt, die deutsche Länder jemals hatten. 

Mitteldeutschland wurde unter russischer Besatzung gezwungen in einen planwirtschaftlichen Irrweg ohne Grundrechte, ohne Freiheit und mit einer peinlichen Pseudodemokratie, mit einer „Volkskammer“, die gar nichts zu melden hatte, weil die führende Partei letztlich alles bestimmte. 

Und das eigentliche Ostdeutschland, die Länder Schlesien und Ostpreußen verschwanden für immer von der Landkarte, 12 Millionen Flüchtlinge aus dem Osten wurde in der DDR und in der BRD aufgenommen und integriert, in einer Zeit, in der sehr viele Menschen in ganz Deutschland von den Folgen des Krieges schwer getroffen waren. 

Und das alles geschah nicht, weil die bösen Alliierten Deutschland klein machen wollten, sondern weil ein von allen Deutschen 1933 ins Amt gewähltes Verbrecherregime ganz Europa mit Tod, Leid und Verzweiflung überzog und in Auschwitz ernsthaft darum bemüht gewesen war, tatsächlich alle Juden im eigenen Herrschaftsbereich auszurotten. 

Es ist gut, wenn wir am 9. November nicht nur an das wunderbare Glück vom Herbst 1989 denken, sondern auch an die finstersten Zeiten der deutschen Geschichte, um für die Gegenwart die richtigen Schlüsse zu ziehen. 

Und dafür will ich jetzt gern wieder auf den Reformationstag zurückkommen und darauf, was wir aus Luthers Neu-Entdeckung des Evangeliums für uns HEUTE ziehen können. 

Ein Bibelvers fiel mir ein, der auch im Römerbrief steht, jener Schrift, in der Luther seine evangelische Erleuchtung von der Größe der gnädigen Gerechtigkeit Gottes bekam, in V. 20 des 5. Kapitels heißt es: 

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden“. 

Das ist ein Satz, den wir auch auf die Spannung zwischen dem 9. November 1938 und dem 9. November 1989 beziehen können. 

Wir haben kein Erkenntnisproblem – wir haben ein Umsetzungsproblem.

Wie kann die Distanz zwischen Ideal und Wirklichkeit kleiner werden? 

Wie schaffe ich es, Gott und meinen Mitmenschen wirklich zu lieben??!!

Wie kommen wir von der Erkenntnis des Guten hin zu wirklichen Umsetzungen? 

Das ist die Frage, mit der Luther im Kloster rang und seine vorreformatorische Antwort war, dass Gott nur dann gnädig sein könne, wenn ich, der Mensch, die Distanz zwischen Ideal und Wirklichkeit zu schließen vermag, mir zumindest Mühe gebe, das zu tun … 

Mit Blick auf die Liebe zu Gott ging Luther noch einen dramatischen Schritt weiter. 

Der Mönch Martin Luther trieb die Frage nach der Liebe zu Gott auf die Spitze und in seinen späteren Lebenserinnerungen auf diese Zeit hat er die Größe, von den Abgründen in sich selbst zu sprechen. 

In der Rückschau auf diese Zeit bekennt Luther freimütig, dass er im tiefsten Herzen diesen Gott, der diese Forderung aufstellte, 

– bitte erschrecken Sie nicht, liebe Gemeinde – 

dass er im tiefsten Herzen solch einen Gott nur hassen konnte. 

Wie kann Gott von mir etwas verlangen, von dem er wissen muss, dass ich niemals die Distanz zwischen Ideal und Wirklichkeit schließen kann??!! 

Das soll ein gnädiger Gott sein, der solchen perversen Spiele mit uns treibt?

Ein Gott, der behauptet, dass ich ausschließlich Gutes bekomme, wenn ich Gutes tue? 

Ein Gott, der in Aussicht stellt, dass ich das Gute, die Gnade und Barmherzigkeit Gottes verdienen kann, wenn ich mich nur recht anstrenge mit meiner Gerechtigkeit …? 

Und entsprechend: 

Dass ich Böses empfange, wenn ich Böses tue? 

Stimmt das?

Das trieb Luther im Kloster um und diese Frage treibt Menschen auch heute um: 

Stimmt das so? Deckt sich das mit unseren Erfahrungen? 

Alle Deutschen von Aachen bis nach Königsberg haben 1933 in demokratischen Wahlen dem sogenannten Führer und seiner Verbrecherclique zur Machtergreifung verholfen, 

alle Deutschen von Karlsruhe bis nach Breslau haben bis 1945 gleichmäßig aktiv an den nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen mitgewirkt … 

und die einen haben nach 1945 besonders schlimm dafür gebüßt und die anderen sind schon 1960 wieder mit dem neuen VW-Käfer im Sommer über die Alpen nach Italien in den Urlaub gefahren … 

Luther hat im Augustinerkloster zu Erfurt tief verstanden, dass solch ein simples Verständnis von Gott und seiner Gerechtigkeit hinten und vorn nicht passen kann.

Ja, schlimmer noch: 

Der Hass auf solch einen Gott scheint unausweichlich zu sein, wenn man solch ein simples und eindimensionales Konzept von „Gerechtigkeit“ im Kopf hat.

Wer sich das so vorstellt: 

Gutes tun bewirkt nur Gutes und Böses tun wird adäquat bestraft – der muss eigentlich im Atheismus landen, denn es ist offensichtlich, dass dieses Konzept hinten und vorn nicht zu dem passt, was wir in dieser Welt erleben. 

Es war eine Revolution, als Luther, mit diesem Dilemma ringend, seine reformatorische Entdeckung machte … nicht in Erfurt, sondern in Wittenberg, wo er seit 1511 wirkte.

Wann genau er seine befreiende Erleuchtung hatte, wissen wir nicht. 

Historisch sicher ist, dass Luther zwischen 1513 und 1518, bei dem, was er beruflich als Bibelprofessor jeden Tag zu tun hatte, über Gott und seine Gnade Stück für Stück auf neue Gedanken kam, als er seine Vorlesungen über die Psalmen, über den Römerbrief und über den Hebräerbrief vorbereitete und vor seinen Studenten ausbreitete. 

Im Meditieren dieser biblischen Texte erkannte Luther, dass der vermeintlich ewige Zusammenhang zwischen dem Tun des Guten und den daraus folgenden Ergebnissen und Umsetzungen maximal die Hälfte der Wahrheit ist

Im Grunde hat das nie gestimmt: 

Ich tue das Gute – und dann ernte ich nur Gutes. 

Lange vor Jesus von Nazareth hat z.B. schon der biblische Hiob diese Erfahrung gemacht, dass er trotz seiner Gerechtigkeit, trotz seiner vielen guten Taten Kränkung, Schmerz, Leid und Verlust erfahren muss. 

Etwas kann nicht stimmen mit diesem simplen Bild vom „Ideal des Guten“ – dass wir durch angestrengtes Tun in die Tat umsetzen und dann wiederum nur Gutes ernten und erfahren. 

Im religiösen Leben oder auch im gesellschaftlichen Miteinander führt solch ein simples und eindimensionales Bild vom Tun des Guten und von der Gerechtigkeit in unauflösbare Widersprüche. 

Es führt in Heuchelei und Hochmut, wenn ich meine, das sei so simpel und ich gehöre zu den „Guten“ und es führt in Verzweiflung und Atheismus, weil offenkundig ist, dass das Ganze so simpel nicht ist. 

Die grandiose Entdeckung Luthers im Römerbrief war, dass solch ein schlichtes Bild einer selbstgerechten und eindimensionalen „Gerechtigkeit“ in der Heiligen Schrift gar nicht gepredigt wird. 

Nicht bei Hiob, nicht in den Psalmen, nicht bei Jesaja, und schon gar nicht im Neuen Testament, in dem von Jesus Christus erzählt wird, der das Gute tat und erstmal dafür nur das Kreuz erlitt … 

Luther meditiert im Römerbrief die Rede von der „Gerechtigkeit“ Gottes und wird darauf aufmerksam, dass diese spezifische Gerechtigkeit einen ziemlich langen Atem hat, 

weil sie auch das Gegenteil von sich selbst in den Blick nehmen, 

sich ihm aussetzen, 

es durcharbeiten und konstruktiv überwinden kann, 

es zu versöhnen und zu heilen vermag. 

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden“. 

Zur deutschen Geschichte gehört nicht bloß der 9. November 1989 mit seinem unfassbaren Glück eines großen Schrittes einer friedlich von uns Ostdeutschen selbst erkämpften Freiheit und Demokratie.

Zur deutschen Geschichte gehört auch der 9. November 1938 mit unserer abgründigen Schuld am erwählten Volk des Bundes mit Abraham und Mose. 

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden“. 

Das Spitzensymbol dafür ist das Kreuz Jesu Christi. 

„Vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“

Nicht nur den Guten widerfährt Gutes, sondern auch den Bösen. 

Auch denen, die an Gott und sich selbst verzweifeln, weil manches einfach nur zum Verzweifeln ist in dieser Welt. 

Das verbürgt der gekreuzigte Christus, in IHM zeigt sich Gottes wahre Gerechtigkeit: 

gnädig statt besserwisserisch,

geduldig statt großmäulig,

das Böse überwindend durch Gutes … und nicht dieses simple, eindimensionale Konzept von Gerechtigkeit, das im Grunde nur Hochmut erzeugt oder Verzweiflung.   

Mehr von diesem Geist wird in unserer heutigen Gesellschaft dringend gebraucht, 

- eigene Verantwortung übernehmen, statt immer nur die Schuld bei anderen zu suchen, bei denen „da oben“, oder gar bei „den Ausländern“ …

- genau hinschauen, was die Ursachen bestimmter Probleme sind statt Sprücheklopfen, 

- machen statt reden, 

- handeln und Lösungen voranbringen,

- die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit ein Stückchen kleiner machen – 

doch demütig, 

gnädig, 

mit Augenmaß und mit Barmherzigkeit, getragen vom Wissen um die eigene Begrenztheit, die eigene Fehlerhaftigkeit, 

getragen von dieser Gnade, die viel mächtiger ist als alles, was wir verkehrt machen können. 

 

Der Friede dieses Gottes, der höher ist als aller Menschen Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

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