Predigt zum Pfingstfest 2026 in Mansfeld, Stadtkirche St. Georg - Landesbischof Friedrich Kramer
Liebe Geschwister, heute feiern wir das Fest des Heiligen Geistes. Und dass Sie hier sind und so zahlreich erschienen sind, ist der Beweis: Es gibt ihn!
Denn der Heilige Geist ist die Kraft, die uns im Glauben ausrichtet, die uns am Sonntag früh aufstehen lässt, wenn wir die Glocken hören und die uns ruft und die uns immer wieder neu ausrichtet auf das Wort unseres Herrn, Jesus Christus. Und dann hören wir heute von diesem wundersamen Ereignis. Brausen im Raum, viele Stimmen.
Und ich bemitleide immer alle Lektorinnen und Lektoren für den Text, wenn es dann um Phrygien und Pamphylien und all diese Orte geht, und man merkt, das sind alles Namen, von denen wir nicht wissen, wie die klingen. Und ein bisschen bildet jeder Gottesdienst die Vielsprachigkeit ab. Wir singen griechisch, wir singen hebräisch, wir singen ein bisschen auf Latein, wir singen ein bisschen deutsch. Und „Mansfeldisch“ ein bisschen. Ein ganz eigener Dialekt. Und die Vielstimmigkeit taucht da zu Pfingsten auf.
Wie kommt das? Pfingsten, Pentecoste, ist ein Fest, ein jüdisches Wochenfest, neben Pessach und Laubhüttenfest eins von drei großen Wallfahrtsfesten, und eigentlich eine Art Erntedankfest. In Israel gibt es ja ein wärmeres Klima, man kann dort wahrscheinlich öfter ernten, nicht nur einmal wie wir im Herbst, sondern eben auch in dieser Zeit. Und da ist es so, dass man dann aus der ganzen Welt zu dieser Zeit zusammengekommen ist.
Von überall sind Juden nach Israel gekommen und nach Jerusalem. Und dort waren eben Phrygier und Pamphylier, Römer und Griechen und alle möglichen Völker versammelt. Und plötzlich, die Jüngerinnen und Jünger sind noch zusammen im Raum, kommt der Geist, und bei Ihnen ist es ganz schön (das können Sie sich nachher mal angucken, hier ist es gemalt). Man sieht hier so eine Feuerflamme, so wird das immer dargestellt, wunderbar. Und der Geist oben, und man sieht, wie der geschlossene Raum sich öffnet nach draußen. Das ist sehr schön gemalt. Und sie sind also in einem Raum und plötzlich spüren sie: Wir müssen raus, wir müssen von Jesus erzählen, wir müssen von Christus erzählen, von dem, was wir erlebt haben, von der Liebe! Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über.
Und dieses Brausen und Rauschen ist ein Stimmengewirr, und in diesem Stimmengewirr hören alle plötzlich ihre Sprache. Das Erste also: Vielsprachigkeit – ein Werk des Heiligen Geistes. Das ist ganz interessant, weil wir oft denken, wenn es um die Wahrheit geht, braucht es die Klarheit und alle müssten das Gleiche sagen.Das ist hier zu Pfingsten nicht der Fall, sondern es ist sehr vielsprachig. Und Ihnen, die öfter die Bibel lesen, den klingelt es gleich im Ohr und Sie wissen, Babel, damit ging es los, mit der Sprachverwirrung: Die Menschen wollten so groß sein wie Gott und haben einen Turm gebaut, und was macht Gott? Er macht nichts anderes, als sie unterschiedliche Sprachen lehren.
Und das ist übrigens sehr interessant, ich weiß nicht, wie das bei Ihnen in der Familie ist, es gibt ja in manchen so Sprachcodes. Oder kennen Sie das doch aus Ihrer Jugend, dass man versucht hat, etwas zu sagen, was die anderen nicht verstehen? Es gibt auch so hübsche Geheimsprachen, die man erfindet, in denen man immer Ichle Hichle Fichtle Fich und sowas macht und dann, wenn man weiß, wie es funktioniert, hört und versteht es. Die Lust der Abgrenzung von Menschen zeigt sich in der Sprache. Und es ist umso interessanter, weil unsere moderne Gesellschaft das eigentlich nicht mehr duldet. Wir müssen immer einheitlicher werden aufgrund der Technik, der gemeinsamen KI und sonstigen Nutzungen, wobei die KI ja auch in der Lage ist, neue Sprachen zu erfinden, müssen Sie nur darum bitten, das macht sie für Sie. Aber: Die Vielsprachigkeit geht immer mehr verloren, jeden Tag sterben zwei bis vier Sprachen auf der Welt aus. Das ist verrückt, da können die Sprachwissenschaftler was von erzählen.Und ich hoffe, dass das Mansfeldische nicht dabei ist.
Hier nun der Heilige Geist: vielsprachig. Und dann macht Lukas was ganz Interessantes, er zitiert, lässt Petrus predigen und sagt, die sind nicht betrunken. Das Argument ist nicht so überzeugend: Es ist noch früh am Tag.Also nach dem Motto, das erste erste Bier nach vier… Die können noch nichts getrunken haben – das finde ich als Argument nicht sonderlich überzeugend. Aber sie sind nicht voll des Weines, sondern voll des Geistes. Christen können so fröhlich und beschwingt sein, dass andere das Gefühl haben, die haben irgendetwas genommen.
Und so soll es auch sein, wenn man uns trifft. Kann ich davon auch was haben? – Ja, komm, geh in die Taufe, lass dich darauf ein, geh den Weg mit Christus und lass dich vom Geist begnaden. Und dann macht Lukas etwas sehr Interessantes, denn er ist ein Freund der Frauenüberlieferung. Wenn Sie mal das Lukasevangelium aufmerksam lesen, tauchen da lauter Frauen auf, die er beschreibt, die schon früh bei Jesus dabei waren, die Jüngerinnen, die ihm gefolgt sind usw. Und er bringt hier in seinen Text, in der Apostelgeschichte, die alte Weissagung von Joel hinein, und die ist gegendert, von A bis Z. Das war jetzt nicht irgendeine Ideologie, sondern da steht ganz klar: Töchter und Söhne, Männer und Frauen, Knechte und Mägde. Wenn der Heilige Geist kommt und der Geist Gottes, dann gibt es diese Unterschiede zwischen uns nicht mehr: Da ist Pamphylisch nicht wichtiger als Latein oder andersherum, und da ist auch nicht Mann und Frau, Kind und Erwachsener, Kluge und Dumme oder wie auch immer. Die Unterschiede werden alle im Geist aufgehoben. Denn es ist der Geist der Liebe, der Pfingsten auf uns kommt.
Und es ist ein Geist, der uns anders sprechen lässt. Ich weiß nicht, ob Sie mal Menschen erlebt haben, die die Gabe des Zungengebetes haben. Es ist ja bei uns in der protestantischen Kirche so: Wir haben es ja aufs Minimum reduziert, wir haben aus sieben Sakramenten drei gemacht. Wir haben gesagt: Taufe, Abendmahl, noch so ein bisschen Beichte (wenn Sie mal in Wittenberg sind, ist das der dritte Altarflügel), Grundlage ist das Wort Gottes, und alles andere kann dazu kommen, muss aber nicht. Weswegen es bei den Protestanten auf der Welt immer wieder neue Strömungen gibt, die etwas herausgreifen von dem, was möglich ist.
Zum Beispiel die Neuapostolische Kirche. Die sind jetzt gerade in die ACK eingetreten, die haben ihre Engheit überwunden und sind ganz pfingstlerisch jetzt mit uns im Gespräch in der Gemeinschaft der Christen. Die haben eben festgestellt, das Apostelamt ist irgendwie in der protestantischen Kirche unterbelichtet, und haben irgendwann selber Apostel wieder berufen und haben eine apostolische Tradition neu gegründet. Und im letzten Jahrhundert beginnt es mit den sogenannten charismatischen Bewegungen. Das sind Bewegungen, die sagen: Wenn du dich nur für den Geist öffnest, dann wirst du spüren, du hast einen Charisma, eine Gabe.
Gott schenkt jedem eine Gabe. Können Sie sich vorstellen, dass Sie davon ganzen Blumenstrauß haben? Zum Beispiel sieben schöne Gaben? Jeder hat Gaben. Da ist die Bibel ganz klar. Und Bibel Frage sagt nicht, die eine ist besser als das andere, ganz im Sinne des Heiligen Geistes, sondern es geht darum, sie gemeinsam einzusetzen für den anderen. Und bei diesen Gaben, die Paulus benennt, taucht auch die Zungenrede auf. Und wenn Sie mal bei einer charismatischen Versammlung dabei sind, dann steht plötzlich einer auf und sagt, oder spricht irgendwas und Sie denken, was sagt der da? Und dann gibt es plötzlich durch den Geist eine Möglichkeit zu sprechen. Und dann kommen Wissenschaftler und setzen sich daneben und stellen fest: Das ist wirklich eine Sprache. Wo hat der die her? Und das sind verrückte Phänomene, die die Wissenschaft auch verwirren, dass es sein kann, dass Menschen so eine Sprache sprechen. Da ist viel mehr drin, als wir denken. Und es könnte sein, dass unsere Autonomie-Idee, ich bin ich und das andere, was draußen ist, bin nicht ich, mein Bewusstsein ist meins, was ich denke, das passiert nur hier drin, dass das etwas zu schlicht ist, sondern dass das, was zwischen uns passiert und was mit der Öffnung für das Gemeinsame zu tun hat, viel mehr mit den Geisteskräften und der Wirklichkeit der Menschen zu tun hat.
Wenn Sie sich mal eine Sekunde vorstellen, was ja bei vielen Menschen schon der Fall ist, dass sie das Denken ans Internet abgegeben haben, da gibt man bei KI etwas ein, dann kommt die Antwort, dann merken Sie schon, dass ist die gesamte Vernunft ausgewandert. Das ist eine reale Situation heute. Und zu Pfingsten wird das erlebt: Wenn die Grenzen des Ichs brechen, ist wahnsinnig viel möglich. Und wir alle kennen das aus der Liebe, zu was ist man alles bereit und was alles denkbar ist, wenn einmal das Herz von Liebe und vom Heiligen Geist erfüllt ist. Und die Liebe zwischen Menschen ist ein schönes Bild dafür.
Der Heilige Geist wird oft in sieben Gaben beschrieben. Die sind ein bisschen eigenwillig, wenn man sie hört. Die sind in Jesaja 11 beschrieben, und dort heißt es, in Bezug auf den Spross aus Isai, der kommen wird: Weisheit hat er und Einsicht, Rat und Stärke, Erkenntnis und Ehrfurcht und Frömmigkeit.
Dann heißt es weiter: Er, der vom Geist bewegt ist, urteilt nicht nach Augenschein und vom Hörensagen, sondern er urteilt gerecht und hat die Schwachen und Armen im Blick. Da taucht eine Grundstruktur des Geistes auf, die wir bei Paulus wiederfinden, wo es dann neun Gaben sind: das Wort der Weisheit, der Erkenntnis, die Kraft des Glaubens, Krankheiten zu heilen, Wunderkräfte und Machttaten kann man tun, prophetisch reden, die Geister unterscheiden, das ist eine wichtige Gabe des Geistes, die Zungenrede und die Deutung der Zungenrede. Und Paulus lässt sie alle nebeneinander stehen und sagt aber ganz klar: Es ist EIN Geist und dieser eine Geist ist immer dazu da, dass du die Gaben, die du hast, für ANDERE einsetzt, in der Liebe. Weswegen Glauben, Hoffnung und Liebe die größten Geistesgaben sind, und die Liebe ist die größte. Und Sie wissen es, wenn jemand etwas kann, hat er schnell das Gefühl, er ist mehr wert und kann es besser als die anderen, statt zu sagen: Ich will, dass du dich freust. Ich weiß nicht, ob Sie bei dem schönen Münzer-Oratorium mit dabei waren, den zweien, die hier letztes Jahr aufgeführt wurden. Thomas Münzer hat einen Brief gekriegt von den Täufern aus der Schweiz, in dem sie ihm geschrieben haben: Lieber Thomas Münzer, wir finden es toll, dass du das mit der Kindertaufe nicht gut findest, sondern die Erwachsenentaufe für möglich hältst. Wir finden es auch großartig, dass du den Geist so nach vorne bringst. Aber dass du meinst, dass der Geist zur Gewalt aufruft, das können wir gar nicht verstehen, das ist gegen die Heilige Schrift. Sie mahnen also ihren Bruder Thomas Münzer. Der hat vermutlich den Brief nicht mehr gekriegt. Und dann kommt eine ganz lustige Passage, da sagen sie: Was wir nicht verstehen, ist, dass du das Singen, die pfäffischen Gesänge im Gottesdienst, die auf Latein waren, ins Deutsche übertragen hast.Die werden doch dadurch nicht besser. Wir haben sie vorhin gesungen. Sie erinnern sich. Denn, das sagen sie, ist eine ganz eigenwillige Vorstellung. Bei Paulus steht, wir sollen im HERZEN singen. Und deswegen sollen wir nicht laut im Gottesdienst singen. Und dann begründen sie es: Denn wer singt und singen kann, der ist stolz und wird übermütig. Und wer nicht singen kann, der ärgert sich.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen vorhin beim Psalmsingen ging, ich hoffe, es hat ein bisschen Spaß gemacht. Aber da merkt man, Gaben führen schnell zur Unterscheidung und zu: „Ich bin besser“ oder „ich kann es besser“ als du führen, statt zur Freude miteinander. Und das führt dazu, dass viele ihre Gaben verstecken, weil sie keinen Streit wollen. Dabei können wir alle etwas!
Und im Römerbrief zum Beispiel gibt es eine ganz andere Zusammenstellung, da sagt es, es gibt die Weissagung, also man soll ermutigen, trösten, es gibt das Dienen, jemand anderes zu dienen, dass jemand lehren kann und etwas erklären (übrigens die Ermahnung, wenn ihre Ehefrau oder ihr Ehemann Ihnen was sagt, das könnte eine Gabe des Heiligen Geistes sein. Haben Sie das schon mal überlebt? Ganz neue Dimension), das etwas weggeben, auch leiten, eine Gemeinde leiten, hier im Gemeindekirchenrat, und die Barmherzigkeit… Es gibt so viele Gaben! Und Pfingsten ruft uns auf, unsere Gaben nicht zu verstecken, sondern sie herauszuholen, uns neu an Christus auszurichten, indem wir sie für die Liebe einsetzen, indem wir der Lügenrede und der Hassrede widerstehen und die Liebe und die Hoffnung groß machen und für andere unsere Gaben einsetzen. So wie das die Jüngerinnen und Jünger zu Pfingsten tun, vom Geist bewegt, erklären sie den anderen, was in ihren Herzen brennt, und ein Feuer beginnt um die Welt zu laufen, was heute in allen Teilen der Welt gefeiert wird: Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, das Fest unserer Kirche, wo wir uns miteinander freuen und Gott loben, dass er mit seinem Geist uns des Heils gewiss macht und tröstet. So sei es.
AMEN