Predigt zum Schöpfungsfest in Wittenberg am 12.09.2026
Landesbischof Friedrich Kramer
Wie sieht es aus mit deinem Atem nach dem letzten Sonntag? Stockt er oder fließt er weiter frei? Wie sieht es aus mit deinem Atem, wo wir seit vielen Jahren, Jahrzehnten für die Bewahrung der Schöpfung unterwegs sind und plötzlich scheint das Thema nicht mehr auf der Agenda zu stehen? Liebe Schwester, wie sieht es aus, lieber Bruder, mit deinem Atem, wenn es darum geht, Gott zu loben? Macht das noch Spaß? Wenn man hier im Gottesdienst zusammen ist: ja, oder? Miteinander singen, trotz allem fröhlich Gott loben, auch wenn einem manchmal nicht zum Singen zumute ist, und die Stimme erheben und die Weite dessen, was Gott für uns vorgesehen hat, zu entdecken in aller Begrenztheit, in allem auch immer enger werdenden Wahrnehmungen.
Und deswegen bin ich heute gebeten worden, über einen Hymnus, ein Loblied zu predigen. Kolosser 1, wir haben ihn gerade gehört, gelesen. Darf man Hymnen lesen? Wir haben uns daran gewöhnt. Psalmen lesen wir im Wechsel, eigentlich Gesänge, vielleicht lesen wir irgendwann Paul-Gerhard-Lieder und sprechen sie. Aber eigentlich ist es schöner, sie zu singen:
Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.
Denn in ihm wurde alles geschaffen, was im Himmel und auf Erde ist, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte und Gewalten, es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. (Kolosser 1,15f.)
Die neue Regierung in Sachsen-Anhalt, vielleicht, wir wissen nicht, absolute Mehrheit, dazu hat es nicht gereicht.
Schwierig, wo geht es hin? Wir wissen es nicht. Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten, alles durch ihn und zu ihm hin geschaffen? Jahrhundertelang hat das dazu geführt, dass die Herrschenden gerne von Gottes Gnaden unterwegs waren.
Und wenn Sie noch Zeit haben, können sie nachher mal in die Schlosskirche gehen. Da steht der Thron so ein bisschen verschämt beiseitegeschoben, aber Thron und Altar gut zu erkennen. Könige und Kaiser ließen sich salben von Bischöfen und Kardinälen und Päpsten.
Und man wollte von Gott die Gnade haben. Wir leben heute in einem säkularisierten Land. Gottes Gnade, schauen wir mal.
Und doch hier der große Lobpreis, dass alles von Gott kommt und auf ihn hin geschaffen ist. Und zwar nicht nur von Gott, sondern von Christus! Und ich finde das spannend, dass die frühen Christen sich getraut haben, in der Verfolgung durch den römischen Kaiser, in der Verfolgung durch andere zu bekennen: Da gibt es noch einen, der steht völlig über euch. Und das ist Jesus Christus. Das ist der, den ihr gekreuzigt habt. Der ist aber auch für euch gestorben. Und er ist mächtiger als ihr, denn er ist die Liebe und die Wahrheit – und nicht Lüge und Hass. Er ist der, der über allen Mächten und Gewalten ist.
Liebe Geschwister, daran müssen wir einander erinnern. Daran müssen wir uns stärken und trösten und gleichzeitig wissen: Wenn wir mit ihm verbunden sind, sind wir in der Weisheit, sind wir in der Wahrheit, sind wir in der Liebe.
Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.
Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, auf dass er in allem der Erste sei. Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen. (Kolosser 1,17-19)
Was ist „First“? Was ist das Erste? Das Loblied aus dem Kolosserbrief gibt klare Antwort: Christus! Make Christus great again. Oder: make love great again, könnte man sagen, das ist die Losung des Kolosserhymnos. Alle anderen Großmachereien sind menschengemacht und stehen nicht unter Gottes Segen und Gnade. Denn sie haben im Kern Egoismus und Menschenfeindlichkeit. Sie sind nicht die Fülle, sondern die Begrenztheit. Es ist auf die schwierigen Zeiten, in denen wir leben, der Versuch mit Angst und Enge, mit dem puren Egoismus zu reagieren. Das hat keine Zukunft. Das vergeht. Auch wenn es uns vielleicht gerade den Atem nimmt und ratlos macht.
Er ist der Erste. Christus first und niemand anderes. Und er ist jemand, der sich nicht selbst nach vorne stellt, sondern der sich hingibt in Liebe. Der sein Erstes-Sein nicht nutzt, um selber groß zu werden, sondern andere groß zu machen, nämlich dich.
Und er ist der, der alles gibt, damit du in Fülle leben kannst. Und wenn der Kolosserbrief hier von der Fülle singt, dann redet er nicht von der kapitalistischen Produktionsfülle, der Erstickung der Welt in lauter Dingen, die man vielleicht kurz oder gar nicht braucht. Sondern es geht um die Fülle in Liebe, Fülle im Glauben, in Hoffnung.
Es geht um die Fülle dessen, dass alles darin zusammenkommt. Und wenn du jemanden beschenkst mit deinem letzten Hemd, ist da mehr Fülle, als wenn du 20 im Schrank hängen hast. Und wenn du mit jemandem dein Brot teilst, weil der Hunger in der Welt so unendlich wieder zugenommen hat, obwohl wir uns als Weltgemeinschaft klar vorgenommen haben, bis 2030 ist der Hunger vorbei… Wenn du dein Brot teilst, wenn du abgibst, ist da mehr Fülle, als wenn es in deinem Kühlschrank oder in deinem Schrank verschimmelt.
Wie können wir Fülle neu fassen, neu definieren? Wir hier in Mitteldeutschland sind da ja großartig unterwegs. Wir haben hier gleich hinter dem Haus die Akademie, am Ende der Stadt gegenüber dem Lutherhaus das kirchliche Forschungsheim, jetzt in der Akademie mit inkludiert. Und dort gibt es ein großes Netzwerk: „Eine Erde“ heißt es, das ökumenische Netzwerk. 130 verschiedene Gruppierungen, Bistümer, Kirchen, Caritas, Brot für die Welt, alle sind dabei. Und sie überlegen, wie kann man das „genug“ in Fülle groß machen? Wie kann man gemeinsame Fülle groß machen? Wie kann man Fülle groß machen, die gerecht ist, die großzügig ist? Ja, die gewagt ist, die sich etwas traut. Und falls Sie zu Hause noch nicht den Schöpfungskalender hängen haben, der hier immer produziert wird, wird es höchste Zeit. Schöpfungskalender für die Schöpfungszeit, den können Sie dahin hängen, wo sonst immer „Der Andere Advent" hängt. Fünfmal G, es lohnt sich, das mit durchzubuchstabieren. Es gibt so viel Großartiges, so viel, was in Stillen und Verborgenen passiert und was unsere Schöpfung bewahrt.
Und wir brauchen es so dringend. Wir brauchen es so dringend, die wahre Fülle zu erkennen, die nicht in zu viel, sondern im Gemeinsamen, die nicht in Erstickung in zu viel, sondern in Gerechtigkeit und Großzügigkeit besteht. Fünf Wochen, Zeit, über die Schöpfung nachzudenken, dann kommt das große Erntedankfest.
Dann kommt die Friedensdekade und die Zeit, über unseren Beitrag zum Frieden nachzudenken und für den Frieden zu beten, was so dringend nötig ist. Denn die Kriege in der Welt, die gerade toben, sind die größte Schöpfungskatastrophe, die läuft. Die größte Katastrophe für die Menschen, aber auch für alle Geschöpfe, für die Welt.
Und die Gerechtigkeit in allem soll groß werden.
…und durch ihn alles zu versöhnen, zu ihm hin, es ist auf Erden oder im Himmel, in dem er Frieden macht, durch sein Blut am Kreuz. (Kolosser 1,20)
Christus ist für uns gestorben. Er hat sein Leben gegeben. Der, der alle Fülle ist und der für alles genug hat, hat sich hingegeben und auf sein eigenes Leben nicht geachtet. Und er hat dadurch Frieden gemacht. Das lehrt uns zweierlei.
Erstens, es ist nicht versprochen, dass es leicht wird. Und das werden wir in den nächsten Wochen erleben.
Und das Zweite: Es gilt, das Kreuz auf sich zu nehmen. Es wird nicht bis zum fließenden Blut kommen, hoffe ich, in unserem Land. Aber bedrückend wird es sein.
Und wir werden stehen, wir werden uns an dem orientieren, der die Liebe ist, der die Hoffnung ist, der für alle Menschen einsteht, egal wo sie herkommen, wie sie geprägt sind, was auch immer sie für Dinge erlebt haben. Denn jeder Mensch ist ein Bild Gottes. Und Christus hat uns gezeigt, wie man ein Ebenbild Gottes werden kann.
Lasst uns Frieden machen, nicht mit falschen Lügen, aber mit unseren Mitmenschen. Lasst uns Frieden machen untereinander und lasst uns ihm nachfolgen. Voll Dank, dass er für uns gestorben ist.
Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Er ist auferstanden, Halleluja!
AMEN