Ausgepfiffen
Der Jüngling zückt seine Pfeife und spielt auf. Und die Kinder hören gebannt zu. Sie lassen alles liegen und laufen ihm nach, so wie einst die Ratten. Er führt die ahnungslosen Kinder fort aus Hameln. Auf geht’s. Weg von den Familien. Auf Nimmerwiedersehen.
Laut Wikipedia würden eine Milliarde Menschen die Sage vom Rattenfänger zu Hameln kennen. In irgendeiner abgewandelten Form. — Aber verstehen oder lernen wir daraus?
Viele wissen, was passiert ist in unserem Land, als sie damals einem Führer folgten und nach dessen Pfeife tanzten. Damals. Aber sie tun es wieder. Heute. Einer pfeift. Und sie fahren auf Simsons hinterher. Und sehen nicht, wohin sie wirklich gebracht werden.
Die jüdische Unternehmerfamilie Simson wurde von den Nazis enteignet. Ich habe mit dem Nachfahren, der in die USA geflüchteten Familie, Dennis Baum, telefoniert. Seine Haltung ist klar. Im Juli hat er bei den Demos gegen den Bundesparteitag der AFD in Erfurt sehr deutlich gesagt:
„Die Drohungen gegen Einwanderer, Menschen anderer Hautfarbe und sexuelle Minderheiten sind uns ein Gräuel, an dem wir keinen Anteil haben wollen.“
Klarte Worte. Aber das ist egal. Der moderne Rattenfänger spielt am Gaspedal seines Mopeds. Immer wieder lässt er es aufjaulen. Blauer Dunst liegt in der Luft. Das Atmen fällt schwer.
Auf geht’s. Immer schön der Pfeife nach.
Oder finden wir den Bremshebel doch noch rechtzeitig?
Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg