Der Geruch von Walderdbeeren
Immer wenn ich im Sommer durch unseren Garten laufe, steigt mir plötzlich ein ganz bestimmter Geruch in die Nase: der Geruch von Walderdbeeren.
So klein sie sind, so stark ist ihr Duft. Und sofort ist da nicht nur unser Pfarrgarten. Sofort ist da auch eine Erinnerung. Fragolini di Bosco, so heißt das auf Italienisch. Und genau das war in Rom meine Lieblingseissorte.
Ich finde das erstaunlich, wie eng Geruch und Erinnerung zusammengehören. Ein Duft, und plötzlich ist etwas wieder da. Eine Stadt. Ein Geschmack. Ein Sommer. Ein Stück Leben, das längst vergangen schien.
Das Schöne ist: Die Walderdbeeren in unserem Garten habe gar nicht ich gepflanzt. Einer meiner Vorgänger war das. Und seitdem breiten sie sich aus. Inzwischen wachsen sie an allen Ecken und Enden des Gartens. Still. Unaufdringlich. Aber zuverlässig.
Und jedes Jahr bringen sie mir nicht nur kleine Früchte, sondern auch eine Erinnerung zurück. Rom. Sommer. Lieblingseis.
Ich mag den Gedanken, dass manches im Leben genau so ist. Jemand pflanzt etwas. Und ein anderer freut sich Jahre später daran. Jemand hinterlässt etwas Gutes. Und lange danach wächst es weiter.
Und da ist vielleicht der springende Punkt: Dass wir nicht nur für uns leben. Dass wir Spuren hinterlassen. Manchmal klein wie Walderdbeeren. Aber voller Duft. Voller Erinnerung. Voller Freude.
Und manchmal reicht schon ein einziger Geruch, um uns daran zu erinnern, wie viel Gutes in unserem Leben längst gewachsen ist.
Mit duftenden Grüßen, Martin Olejnicki, evangelisch in Köthen.