Der Kirschbaum
In unserem Pfarrgarten steht ein sehr hoher Kirschbaum.
Ein schöner Baum. Im Frühjahr voller weißer Blüten. Im Sommer leuchten zwischen den grünen Blättern die roten Kirschen. Und jedes Jahr sieht er so aus, als müsste man nur zugreifen.
Müsste man. Aber man kommt gar nicht mehr ran.
Meine Vorgänger haben wohl häufiger, einzelne Äste abgesägt, um an die Kirschen zu kommen. Nur hat das dem Baum offenbar nicht besonders imponiert. Er ist einfach immer weiter in die Höhe gewachsen. Und inzwischen hängen die Kirschen dort, wo vor allem die Vögel etwas davon haben.
Für uns ist dieser Baum im Moment vor allem eines: schön anzusehen.
Früher hätte ich vielleicht gedacht: Schade eigentlich. So viele Kirschen, und wir haben nichts davon. Aber inzwischen frage ich mich, ob das nicht auch eine gute Lektion ist. Dass nicht alles einen Nutzen für mich haben muss. Dass nicht alles, was wächst und schön ist, in meinen Händen landen muss.
Manches darf auch einfach da sein. Zur Freude. Für die Vögel. Für den Garten. Für den Blick, der daran hängenbleibt.
Ich glaube, wir Menschen sind schnell darin zu fragen: Was bringt mir das? Was habe ich davon? Und übersehen dabei manchmal, dass Gottes Schöpfung größer ist als unser Nutzen.
Der Kirschbaum in unserem Pfarrgarten predigt mir darum jedes Jahr auf seine Weise:
Nicht alles ist zum Pflücken da.
Manches ist einfach zum Staunen da.
Und vielleicht ist das gar nicht wenig.
Vielleicht liegt genau darin schon ein Segen.
Mit sonnigen Grüßen, Martin Olejnicki, evangelisch in Köthen.