Ein Stück Krieg
In unserer Kirche steht ein Kerzenleuchter, der keiner sein sollte.
Er war einmal etwas anderes. Eine Patronenhülse. Großkalibrig. Abgefeuert im Krieg in der Ukraine. Ein Stück Metall, gemacht für Zerstörung. Gemacht, damit es kracht, reißt, tötet.
Und jetzt steht diese Hülse bei uns in der Kirche.
Eine Künstlerin hat sie bemalt. Mit Mohnblumen. Mit Kornfeldern. Mit den Farben einer Landschaft, die für viele Menschen Heimat ist. Aus einem Stück Krieg ist etwas geworden, das Licht trägt.
Mich berührt das sehr. Vielleicht gerade deshalb, weil in diesem einen Gegenstand so viel zusammenkommt. Er zeigt, wozu wir Menschen fähig sind. Wir können die kompliziertesten Maschinen bauen. Wir können Erfindungen machen, die nicht Leben schützen, sondern Leben vernichten. Wir können aus Klugheit Zerstörung machen.
Aber das ist eben nicht alles.
Denn wir sind offenbar auch dazu fähig, etwas anderes zu tun. Wir können mit Pinsel und Farbe, mit Fantasie und Geduld, mit Hoffnung und Händen aus etwas Furchtbarem etwas Neues machen. Etwas Schönes. Etwas, das leuchtet.
Die Patronenhülse in unserer Kirche ist nicht harmlos. Sie bleibt ein Stück Krieg. Man kann sie nicht einfach umdeuten. Aber vielleicht ist genau das ihre Kraft: Dass sie zeigt, wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass Tod nicht das letzte Wort behält.
Vielleicht ist das überhaupt der Kern des Glaubens:
dass Gott nicht beim Zerstörten stehenbleibt.
Sondern Neues daraus wachsen lassen kann.
Mitten aus einem Stück Krieg
wird ein Lichtträger.
Mit leuchtenden Grüßen, Martin Olejnicki, evangelisch in Köthen