Erinnern und erinnert werden
Als sie sich dann entscheiden musste: Tagespflege oder nicht, war das keine leichte Entscheidung. Na klar, Hilfe wäre schön. „Aber“, sagt sie „ich habe da einen Fuß hineingesetzt und wusste: Das will ich nicht. Ich kann den da nicht einfach hingeben. Das ist doch der Mann, zu dem ich ein Leben lang aufgeschaut habe. Die höchsten Berge hat er erklommen, ist weit gelaufen, Marathon hier und da und dann wir zusammen. Mit drei Kindern sind wir damals über die Grenze geflohen, und haben neu angefangen. Jetzt stehe ich an den Orten, wo er war, wie er war: Sehe ihn Fahrrad schrauben in seiner Werkstatt; sehe ihn im Garten arbeiten, seinem kleinen Reich. Das alles gehört zu ihm. Die Krankheit nimmt ihm nicht das Leben weg, das er gelebt hat. Aber jetzt sitzt er hier neben wie ein Zweijähriger.“
„Wie heißt das Große?“, hat er mich heute gefragt. Bis ich verstanden habe, dass er das Jahr meint, den Kalender … „Das Große“, sagt er.
„Achtzig ist das neue sechzig“, lacht sie dann, „aber immer nur für eine halbe Stunde.“ Und deshalb wird es dann doch bald so weit sein: Tagespflege. Nicht weil die Liebe weniger wird, sondern die Kraft. Aber vielleicht ist auch das eine Form der Liebe, Hilfe anzunehmen.
Die Erinnerungen gehen, aber Gott geht nicht, und er vergisst nicht. Was wir vergessen, bleibt in Gott bewahrt, auch unsere Lebensgeschichte. Gott erinnert sich an uns. Daran hängt, wer wir sind und waren und sein werden. Daran halte ich mich fest.
Conrad Krannich aus Halle