Glocken läuten - Resonanz
Als Sechsjähriger durfte ich zum ersten Mal mit meinem großen Bruder, Fritz, die kleine Glocke in unserem Ort, in Meschen, läuten. Mein Bruder hat mir gezeigt, wie ich das Seil halten und langsam gleiten lassen muss, damit ich den Rhythmus in den Händen spüren kann. Bis heute läute ich sehr gerne von Hand – wo das noch möglich ist - wie neulich in der kleinen Michaeliskirche in Erfurt.
Für mich ist der Ton der Glocken viel mehr als nur ein rhythmischer Schall - Glocken sind ein Ruf des Heiligen Geistes. Manchmal antwortet unsere Seele oder unser Körper auf diesen Ruf und schwingt mit. So als ich neulich mit einer guten Bekannten auf den Turm der Kirche stieg, in der sie früher gedient hatte. Sie wollte die Glocken auch hören. Ich habe geläutet. Einfach so. Mitten am Tag, und zwar mit allen drei Glocken. Sie hatte Tränen in den Augen und weinte, als wir vom Glockenturm hinabstiegen. Aber sie war nicht unglücklich, sondern dankbar. Der Klang der Glocken hatte ihr geholfen, ihre Gefühle auch ohne Worte vor Gott zu bringen und sie loszulassen. DA oben im Turm. Wieder am Boden angekommen, sagte sie nur „ich habe lange nicht mehr weinen können“. Sich für Gott öffnen und loslassen, was sich in uns aufgestaut hat, das ist es, wozu die Glocken uns rufen. Manche nennen es Gebet.
Johann Schneider, evangelischer Regionalbischof aus Halle