Kinder los-lasse - Das leere Nest
Manchmal neige ich dazu, nostalgisch zu werden: Ich habe kürzlich beim Aufräumen das Fotoalbum unseres Ältesten in die Hand bekommen. Zu sehen, wie er als Kind war, und darüber nachzudenken, wie er jetzt als junger Erwachsener ist, hat mich wirklich bewegt. Die Bilder wecken in mir so viele schöne Erinnerungen. Und doch kostet mich das Loslassen manchmal immer noch Überwindung. Es ist ein Lernprozess: Das Auslandsjahr, der Führerschein, das Ausziehen von Zuhause. Für mich heißt das Loslassen lernen. Ihre eigene Verantwortung akzeptieren und ihre Entscheidungen stehen lassen – auch wenn ich andere erwartet oder erhofft hätte. Erst kommen sie immer wieder ins Nest zurück, dann immer seltener und dann nur noch manchmal – auf Besuch. Das leere Nest wird als Basis nicht mehr so gebraucht. Was trägt sie – was trägt mich?
Von meinen Eltern habe ich gelernt, dass sie mich und ihre Gedanken an mich in Gottes Hände gelegt haben. In einer Zeit ohne mobile Telefone und ohne WLAN wussten sie oft nicht, wo ich bin, oder was ich mache. Und mich hat die Zuversicht getragen, dass sie für mich beteten und für mich da waren, wenn ich sie brauchte. Gott trägt uns mit unseren Unsicherheiten und Versuchen, den eigenen Weg zu gehen und andere gehen zu lassen. Dafür bin ich dankbar und das hoffe ich auch für unsere Kinder.
Johann Schneider, evangelischer Regionalbischof aus Halle