Leiden sichtbar machen
„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das sagt Hagar. Von ihr und ihrem leidvollen Weg wird im Alten Testament erzählt. Ihre Familie hatte sie buchstäblich in die Wüste gejagt, und so landete sie schließlich irgendwo im Nirgendwo. Mutterseelenallein. Am Ende ihrer Kräfte. Genau da aber begegnet ihr Gott, erzählt die Bibel, spricht ihr Mut zu, und sie weiß: „Ich bin nicht allein. Du bist ein Gott, der mich sieht!“
Diese Geschichte fällt mir jedesmal ein, wenn ich an Lisa denke.
Weil es Lisa sehr schwer getroffen hat.
Sie ist eine von 650.000 vor allem jungen Frauen, die an ME-CFS leiden, an Myalgischer Enzephalomyelitis/ Chronischem Fatigue-Syndrom.
Los ging es bei ihr damals mit Corona. Das verlief eher leicht. Aber Monate später wurde sie plötzlich immer schwächer, keiner wusste warum, jeder riet: Bewegen Sie sich an der frischen Luft, belasten Sie sich ruhig leicht. Das tut Ihnen gut. Aber das Gegenteil war der Fall. Kurz darauf wurde sie bettlägerig und schwer pflegebedürftig. Zwei Jahre lang. Keine Kraft aufzustehen, nicht mal zur Toilette. Im ganzen Körper Schmerzen. Jedes Geräusch eine Qual. Tageslicht unerträglich.
Immerhin hat Lisa Eltern, die die verschiedenen Behandlungsversuche bezahlen können, denn die Kassen übernehmen die nicht. In ganz Deutschland gibt es nur wenige spezialisierte Ärzte, und Medikamente, die zu einer Heilung führen, haben die auch nicht.
Was die Betroffenen brauchen, ist eine Lobby, die Geld in medizinische Forschung steckt.
Und Menschen wie dich und mich, die Lisa und den vielen anderen das Gefühl geben: Wir sehen euch. Gott sieht euch! Ihr seid nicht allein!
Pfarrerin Christina Lang, Ev. Kirchengemeinde Naumburg