Nach der Wahl
Na, schon wach? Schön, diese Ruhe, oder? Das Wahlkampfgeschrei ist verklungen, die Feste-für und -gegen sind gefeiert, die Siege bejubelt, die Wunden geleckt. – Was waren das für Wochen! Für viele ist dieser Sonntag ein Tag, um nach langer Zeit durchzuatmen, wenigstens mal kurz.
Denn es ist ja nicht vorbei: das Ringen um eine gute Zukunft miteinander. Ob das überhaupt gelingen kann, wo doch die Gräben gerade so tief und unüberwindbar scheinen? Fragen über Fragen.
Ich gehöre zu denen, die nicht zufrieden sind mit dem Wahlergebnis. Das sage ich ganz ehrlich. Und den jungen Menschen in meinem Umfeld geht es ähnlich. Aber interessanterweise fällt es den jungen Menschen im Leben nicht ein, jetzt zu resignieren: Im Gegenteil. Da erwachen gerade ungeahnte Lebenskräfte und der Wille, auch aus der für viele bedrohlichen politischen Situation etwas Gutes zu machen.
Da ist zum Beispiel diese junge Studentin, Anfang 20, nennen wir sie Mika. Mit Gleichgesinnten hat Mika gleich nach der Wahl mitten in der Stadt ein kleines Camp errichtet, um Sorgen zu teilen und um miteinander zu überlegen, was jetzt dran ist. SOFA nennen sie diesen Ort: solidarischer Ort für alle. Gleich am ersten Abend kommen tausend Menschen – so groß war das Bedürfnis, nicht allein zu bleiben.
„Seht ihr hier überhaupt ne Zukunft für euch?“, habe ich manche gefragt. „Oder ist jetzt die Zeit gekommen, zu gehen?“ Alle, mit denen ich spreche, sagen: „Hier leben, hier lernen, hier bleiben wir. Jetzt erst recht.“
Und da habe ich’s gefühlt: Dass Liebe die Furcht austreibt (1Joh 4,18). — Conrad Krannich aus Halle.