Nicht fair
Ich stehe auf dem Friedhof. Die Beisetzung von einer Frau, die mit 95 Jahren gestorben ist.
Lebenssatt, möchte ich sagen. Ein langes Leben mit vielen Erinnerungen und viel Dankbarkeit.
Das Grab liegt nicht weit entfernt von einem anderen Bereich des Friedhofs: Den Kindergräbern. Kleine Grabsteine. Namen und Daten, die kaum Raum lassen zum Atmen.
Und mittendrin steht eine kleine rote Windmühle.
Aus Plastik. Ein Spielzeug.
Sie dreht sich im Wind. Unaufhörlich. Ja, fast fröhlich.
Und ich merke, wie sich in mir ein Gedanke meldet. Zuerst ganz leise, dann klar:
Das ist nicht fair.
95 Jahre hier. Ein ganzes Leben.
Und dort: so wenig Zeit. So wenig Zukunft. So viel, was nie sein durfte.
Ich versuche, diesen Gedanken nicht sofort wegzuschieben.
Nicht zu korrigieren oder fromm zu übertönen.
Denn er ist ehrlich. Und er ist wahr.
Es fühlt sich einfach nicht fair an.
Und vielleicht ist der Glaube manchmal genau das:
stehenbleiben und hinschauen.
Nichts schönreden und trotzdem bleiben.
Vor allem nicht weglaufen vor dem, was mich? sprachlos macht. und nicht alles erklären wollen.
Sondern Gott diesen einen Satz hinlegen: Das ist nicht fair.
Und darauf vertrauen, dass er bleibt.
Auch hier. Auch zwischen Kindergräbern und einer roten Windmühle,
die sich weiterdreht im Wind.
Martin Olejnicki, evangelisch in Köthen