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Obdachlos

Ich schließe mein Fahrrad an und husche noch fix in den Supermarkt. Kurz vor Ladenschluss, wie immer. Die Mitarbeiter werden mich wieder lieben dafür … Naja, an der SB-Kasse ziehe ich zwei Flaschen Milch und Haferflocken über den Scanner – geschafft und raus. Vor dem Markt schließe ich mein Fahrrad ab, da ruft einer: „Ich hab gut drauf aufgepasst.“ „Mhm“, denke ich mir, als ich den Mann neben dem Eingang hocken sehe. „Seitdem ich hier sitze“, sagt er, „gibt es so gut wie keine Fahrraddiebstähle mehr“. Ich kenne ihn vom Sehen. Er sitzt hier öfter vor dem Markt, meistens allein, manchmal mit anderen. Ein festes Zuhause hat er nicht. Ich verabschiede mich, wünsche ihm alles Gute. Er sagt: „Gott segne dich, mein Freund.“ Wow! Jetzt bleibe ich stehen. „Ja, ja, an seinem Segen ist alles gelegen“, setzt er nach, als er meinen verdutzten Blick sieht, und schmunzelt. 

Ich stehe erstarrt und auch eigenartig berührt von seinen Worten. Und dann fühle mich ertappt, schäme mich ein bisschen, denn warum sollte das nicht ein frommer Mensch sein, der seine Tage auf der Straße und die Nächte in Schlafasylen verbringt. Das Gedankenkarussell dreht sich immer schneller: Was ist wohl seine Geschichte? Und wie schmal ist der Grat, der uns beide voneinander trennt? Was kann dich nicht alles treffen im Leben, und du rutschst durch das Netz und sitzt hier neben ihm. 

Jesus sagt: Das könntest nicht nur du sein, das könnte auch ich sein. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt“, sagt Jesus, „das habt ihr mir getan.“ Guter Punkt! Getan habe ich noch nichts für diesen Menschen. Der Gedanke reißt mich aus der Erstarrung, aber mehr als ein „Danke“ bringe ich in diesem Moment nicht raus. Auf dem Heimweg frage ich mich: Was, wenn ich gerade Jesus begegnet bin?

Conrad Krannich aus Halle


 

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