Paul und die Frauen
Paul war nicht beim Frisör, auch nicht im Fitnessstudio.
Trotzdem wirkt er verändert.
Denn er hört jetzt einfach hin. Was Luise erzählt. Und Karla. Und Kristin. Und...
Ach, er kann sich die vielen Namen nicht alle merken.
Zum ersten Mal hört er wirklich zu. Er hört ihre Wut. Über so vieles, was sie erlebt haben. Und er denkt nach. Über sich selbst. Er findet sich ja ganz OK als Mann. Er macht keine dummen Witze über Frauen. Doch deswegen hält er sich trotzdem nicht für einen Feministen. Er weiß einfach viel zu wenig. Das ist ihm klar geworden.
Denn er hat nichts von all dem erlebt, was Luise, Karla, Kristin und die anderen erzählen.
Paul wurde noch nie angemacht auf der Straße. Keine fremde Frau hat sich im Bus eng an ihn gedrückt. Keine Lehrerin hat ihn taxiert und seinen Hintern gelobt. Angst vor Gewalt durch seine Ehefrau hatte er auch noch nie.
Die Worte von Karla sind ihm hängengeblieben: „Wir brauchen euer Mitleid nicht. Ihr braucht euch auch nicht schämen. Ihr sollt einfach was tun!“
Und Paul fragt sich: „Ja, aber was denn? Was kann ich tun?“ Er wird keine Demos organisieren - und auf Social Media liest er nur, was andere so schreiben. Aber er hat sich etwas vorgenommen. Er will fragen: Die Frauen um ihn herum, wie es ihnen ergeht, was sie erleben. Seine Männerrunde, was sie über Frauen denken – und warum sie manche Sachen sagen. Seinem Sohn will er Respekt vor allen Geschlechtern vorleben und weitergeben, so gut er das kann. Weil Gott doch alle Menschen gleich geschaffen hat.
Ja, Paul hat sich verändert. Es sind nicht die Haare und nicht seine Muskeln. Es ist seine Haltung.
Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg