Rot wie Blut
Aus vielen Vorgärten mussten die Ostereier heute schon wieder verschwinden. Anderswo steht ihnen ihr großer Auftritt noch bevor. Die christlichen Kirchen in den östlichen Ländern nämlich starten erst heute Nacht in das Osterfest. Ihr Feiertagskalender mag ein anderer sein, bunte Ostereier aber dürfen auch bei ihnen nicht fehlen.
Russisch-orthodoxe Christen zum Beispiel färben die Ostereier dunkelrot. Rot wie das Blut, das aus Jesu Körper rinnt, als ihm ein römischer Soldat in die Seite sticht, um zu sehen, ob er schon tot ist. Rot wie das Blut all der Menschen, die für ihren Glauben sterben. Rot wie der Lebenssaft, der in unser aller Adern fließt.
Ein blutrotes Ei, so erzählt es eine Legende, drückt Magdalena dem römischen Kaiser Tiberius in die Hand. „Für dich ist es tot“, sagt sie, „dabei beginnt hier das Leben.“ Und just in dem Moment, als der Kaiser das Ei in Händen hält, bricht die Schale und ein Küken streckt seinen suchenden Schnabel hinaus in die Welt. Der Kaiser blickt etwas blöde drein. Magdalenas Worte oder die Handvoll Leben, die sich in seine Hand kuschelt und nach Futter piept – wer weiß, was ihn mehr verdutzt. „Jesus lebt; ich habe ihn gesehen“, sagt Magdalena dem überforderten Kaiser jetzt direkt ins Gesicht. Und da versteht er: Diese Frau glaubt an das Leben und nichts in der Welt wird sie davon abbringen.
Auch daran erinnern die bunten Ostereier, und deshalb dürfen sie ruhig noch eine Weile hängen. Ob es jemanden gibt, mutig wie Magdalena, die den Herrschern unserer Tage ein blutrotes Osterei in die Hand drückt und ihnen zu verstehen gibt: Das letzte Wort habt nicht ihr, sondern das Leben. Ich wünschte es mir so.
Conrad Krannich aus Halle