Schlafsaal über der Stadt
Die Sonne geht gerade auf über einer Stadt irgendwo in Portugal. Ich stehe in einem Schlafsaal hoch über der Stadt in einem Mehrgeschosser. Wände und Böden sind aus blankem Beton. Überall sind Pfeile und Zahlen angemalt. Die Lampen an der Decke geben sanftes Licht. Zwischen den Betten stehen Stellwände.
Menschen räkeln sich und kriechen unter ihren Decken hervor, sie nutzen die Toilette, holen ihre Habseligkeiten aus den Schließfächern und machen sich auf den Weg. Kurz danach klappen Mitarbeitende die Betten zusammen und schieben sie in Wandschränke.
Nichts erinnert jetzt mehr an einen Schlafsaal. Plötzlich kommen Autos über die Einfahrten und parken in Reihen nebeneinander.
Denn der Schlafsaal ist eigentlich ein Parkdeck über einem Einkaufszentrum. Unten öffnen die Geschäfte.
Heute abend nach 22:00 läuft dann alles rückwärts.
Angestellte aus dem Einkaufszentrum werden die Klappbetten wieder aus den Schränken holen. Sie werden Decken bereitlegen und die Stellwände zurechtschieben.
So schafft die Stadt Übernachtungsplätze im Trocknen für Obdachlose. Keine Anmeldung, keine Registrierung. Die Menschen können frei kommen und fühlen sich sicher, hoch über den Dächern. Hier sind sie vor nächtlichen Übergriffen geschützt. Denn Überwachungskameras und die Security sind ohnehin im Dienst. Hier werden sie nicht, wie in anderen Städten, bewusst aus der Stadt verdrängt.
Die Stadt musste kein Notquartier bauen, sondern nutzt einfach das, was sowieso da ist.
Nächstenliebe kann so einfach sein. Wenn man Not sieht und helfen will.
Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg