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Selma und die Bahn

Selma ist ziemlich selbständig. Vieles bekommt sie inzwischen ganz gut allein hin. Darauf ist sie stolz. Und zu Recht. Denn Selma musste mühsam lernen, sich anzuziehen, Schuhe zubinden fiel ihr lange schwer. Heute kann sie kochen, Wäsche machen und verdient sogar eigenes Geld.

Im Dunkeln fühlt sie sich nicht wohl. Da kriegt sie schnell Angst, weil sie nicht gut gucken kann.

Selma fährt gern zu ihrer Oma. Dazu muss sie erst den Bus nehmen und dann in den Zug steigen. Zurück geht es dann wieder andersherum. Selma kauft ihre Tickets immer am Schalter im Hauptbahnhof. Mit der Bahn-App kommt sie nicht gut klar. Ganz schlimm war es, als sie sich ein Deutschlandticket kaufen wollte. Verifizierung – das Wort kann sie nicht mal lesen. Das muss man online machen. Selma hat keine Chance.

 

Wir leben in einer Welt mit faszinierender Künstlicher Intelligenz, Computer berechnen in Sekundenbruchteilen alles Mögliche. Das Handy navigiert uns bis in die allerletzte Dorfstraße. Aber für Selma wird es trotzdem nicht einfacher. Sie will doch nur zur Oma fahren.

Selma kennt die Fahrzeiten. Doch dann war Fahrplanwechsel. Selma hatte es nicht mitbekommen. Der Bus war weg. Nun stand sie da. Es wurde dunkel. Wie kommt sie nach Hause? Der Schalter ist zu. Eine junge Frau sieht Selma, die verwirrt herumläuft. Sie spricht Selma an. Die anderen Leute ringsum gucken. Selma fängt an zu weinen. Das ist ihr alles zu viel. Die junge Frau ruft ein Taxi und bezahlt den Fahrer. Selma kann nicht mal Danke sagen. Sie will bloß noch nach Hause.

Die Leute tuscheln. Einer raunzt: „Total behindert diese undankbare Tussi.“

„Ach, was weißt du denn,“ denkt die junge Frau, „Von wegen behindert – wir behindern sie durch so vieles, was wir für total normal halten.

Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg

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