Staunen
Ich stehe in Köthen auf der Straße.
Es ist schon dunkel und auch etwas kalt.
Der Tag eigentlich schon vorbei.
Vor einem Schaufenster bleiben Menschen stehen.
Ältere Menschen. Sie sprechen miteinander und lachen.
Das Schaufenster ist erleuchtet.
Warmweißes Licht in den Gesichtern der Betrachtenden.
Fast zu schön, um wahr zu sein.
Ein Holzkünstler unserer Stadt hat darin seine Figuren aufgebaut.
Mit viel Liebe und Geduld, und vor allem mit einem Auge fürs Detail.
Die Gesichter der Menschen davor werden vom Licht erhellt.
Ganz weich. Fast kindlich. Für einen Moment verschwinden Sorgen, Termine, Jahre.
Die Szene wirkt ein wenig surreal. Ja, fast kitschig.
Und zugleich ganz echt.
Diese Freude in den Gesichtern, sie steckt an.
Ich bleibe stehen und schaue mit.
Staune mit.
Staunen ist kein Wissen.
Staunen ist auch kein Besitz.
Staunen geschieht, wenn wir uns unterbrechen lassen.
Vielleicht brauchen wir solche Momente gerade dann, wenn keine besondere Zeit im Kalender steht. Wenn nichts angekündigt ist und der Alltag uns fest in der Hand hat.
Ich glaube, Gott kommt oft genau so.
Unaufdringlich, im warmen Licht eines Schaufensters.
Mitten auf der Straße. Und er wartet darauf, dass wir stehen bleiben und staunen.
Mit staunenden Grüßen, Martin Olejnicki, evangelisch in Köthen