Ungläubiges Staunen
In der Nähe unserer Wohnung, am Ende der Straße, da steht ein Haus. Wenn ich daran vorbeigehe, bekomme ich Beklemmungen. Denn im Erdgeschoss dieses Hauses ist ein Geschäft, da werden Klamotten verkauft, wie sie Schläger und Hooligans tragen. Wenn ich das alles sehe – das Geschäft, die Klamotten, die Kundschaft – dann stehen sie mir wieder vor Augen: die Baseballschläger-Jahre meiner Jugend, die Tage, an denen sich die einen verabredeten, um die anderen zu verwamsen.
Genau am anderen Ende der Straße, da wohnt ein Mädchen. Auf meinen Wegen durch die Stadt sehe ich sie regelmäßig. Oft scheint sie ganz in ihrer eigenen Welt zu leben. Sie spricht mit der Stadt und den Tieren, und mit sich selbst. Dabei wirkt sie unerschütterlich froh. Es gibt so Menschen, die sind durch nichts in der Welt von der Bosheit der anderen zu überzeugen. Ich glaube, sie ist so ein Mensch. Und mit ihrer Art schafft sie es, diese sanfte Seite auch in anderen Menschen zu wecken.
Neulich sah ich sie wieder, und zwar am anderen Ende der Straße, genau vor dem Geschäft mit den fiesen Schläger-Klamotten.
Da steht sie, fröhlich im Gespräch mit einer der Verkäuferinnen aus dem Laden. Und noch mehr: Gemeinsam pusten sie Seifenblasen in den Himmel: das Wellensittich-Mädchen und die Schläger-Klamotten-Verkäuferin, kindlich vergnügt, als gäbe es die Welt drumherum nicht.
Ich stehe und staune und denke: Es ist nicht alles gut, nein. Aber es kann sich alles ändern, sogar hier und auch zum Guten.
Conrad Krannich aus Halle