Vogelstimmen
Ich muss gestehen, das frühe Aufstehen kurz vor 5 Uhr fällt mir nicht leicht. Aber auf dem Weg zum Zug werde ich dafür beglückt mit den vielen Vogelstimmen, die ich frühmorgens in den Hecken und am Bahndamm hören kann. Sehen tue ich die Vögel meist nicht. Ich höre sie nur und freue mich über dieses Wunder der Natur: Wie so ein kleiner Vogel eine so wunderbare, laute Stimme hat und mich damit glücklich macht. Das genügt mir. Letztens, beim Warten auf die S-Bahn fiel mir auf, dass so ein Vogel sofort wegfliegt, sobald er angestarrt wird. Aber wenn ich nur im Vorbeigehen hinschaue, bleibt er meist länger auf dem Ast sitzen.
Vielleicht ist das auch in unseren Beziehungen so, wie bei der Begegnung mit einem Singvogel: Wenn wir einander zu direkt ansehen, zieht sich der andere zurück und dreht sich weg. Nicht nur, weil wir uns zu nah gekommen sind, sondern weil er in seinem unmittelbaren Tun unterbrochen wird durch das fremde Angesehen werden. Der Blick von außen kann Gefahr bedeuten. Vielleicht ist es manchmal besser, einander Raum zu geben und einfach nur zu zuhören, statt jemanden, der etwas tut mit den Eigenen -und das heißt auch: „mit anderen Augen“ - zu sehen. Echte Begegnungen lassen sich nämlich genauso wenig erzwingen, wie das Erblicken von singenden Vögeln in den Ästen. Wir brauchen wie die Vögel einen schützenden Raum und den richtigen Moment um ungestört einander ohne Angst zu sehen.
Johann Schneider, evangelischer Regionalbischof aus Halle