Was mich so richtig aufregt
Was mich ja so richtig stresst, ist, wenn Menschen ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen. So manche musikalische Darbietung in den stillen Tagen fällt mir da ein, wo ich dachte: Menschenskinder, eure Mühe in Ehren, aber selbst Profis trauen sich das nur unter Studio-Bedingungen zu, und ihr glaubt, das mal so locker flockig gleich auf die ganz große Bühne bringen zu können? Ohne Proben ganz nach oben, das hat noch nie funktioniert.
Die Wissenschaft nennt es Dunning-Kruger-Effekt, wenn Menschen eine Aufgabe unter- und ihre eigenen Fähigkeiten kolossal überschätzen. Dass eine verzerrte Selbstwahrnehmung allerdings viel älter ist als die moderne Wissenschaft, merke ich, wenn schon die Bibel mahnt: „Für einen Dummen ist mehr Hoffnung als für einen, der sich selbst für weise hält.“ (Sprüche 26,12)
Ich könnte mich so richtig hineinsteigern in das Thema, da bremst mich mein Freund Emanuel in meinem Furor und sagt: Entspann dich, Conrad. So lernen Menschen nun mal: die Aufgabe immer ein bisschen zu groß ansetzen, scheitern und wachsen. Wahrscheinlich hat er recht. Experten sind ja nicht diejenigen, die alles können, sondern die schon alle möglichen Fehler gemacht haben.
„[D]er Gerechte fällt siebenmal und steht wieder auf“, (Sprüche 24,16) weiß die Bibel. Das will ich mir über das noch frische neue Jahr schreiben und mich um ein bisschen mehr Fehlerfreundlichkeit bemühen. Das muss mich ja nicht davon abhalten, auch mal ehrlich zurückzumelden, wenn da was nicht so bühnenreif war, sondern eher ein Ohrenbelastungstest mit Entwicklungspotenzial.
Conrad Krannich aus Halle