Witwentag
Nach dem Gottesdienst verabschieden wir uns an der Tür. Und da sagt Gerdi mit ihren 95 Jahren: „Wissen Sie, ich habe keine Lust mehr. Wenn meine Kinder nicht da wären, wüsste ich nicht, was ich hier überhaupt noch soll.“
Dieser Satz tut weh; aber wie sollte ich Gerdi das verübeln? Was hat sie nicht alles erlebt und überlebt. Nun werden die Kräfte immer weniger. Ihre Freundinnen sind nicht mehr und auch ihr Hans ist vor zwei Jahren gegangen. Sie ist nicht lebensmüde; sie ist lebenssatt.
Das zu äußern ist gerade nicht so populär. Der Langlebigkeits-Hype ist längst nicht mehr nur Sache der Reichen und Mächtigen, die jährlich 2 Mio. für Nahrungsergänzungsmittel und Kuren übrig haben. Ob’s den Verfall aufhalten wird? Ich habe da meine Zweifel. Vor allem frage ich mich: Will ich das überhaupt? Pillen schluckende Diktatoren, die ewig leben. Und auch ich selbst. Ich bin jetzt nicht lebensmüde, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann sage: So, Gott, alles gesehen, alles erlebt hier unten. Ich wäre dann so weit.
Gerdi sagt: „Und jetzt will ich nochmal zu meinem Hans“ – und hangelt sich tapfer an den Gräbern entlang, plumpst auf das Bänkchen neben Hans‘ Ruheplatz, und dann verliert sich ihr Blick irgendwo im Himmel.
Unsere Zeit steht in deinen Händen, Gott. Wir sind gewollt und geliebt, jeder einzelne von uns. Und du wirst uns allen einen Platz geben in deiner Ewigkeit, zu deiner Zeit. Darauf vertrau ich; das glaub ich.
Conrad Krannich aus Halle