Zeit haben
Erika ist erst ein paar Wochen im Ruhestand.
Sie hat sich darauf gefreut.
Bald merkt sie, so ganz leicht ist es nicht, einfach immer Zeit haben.
Heute ist sie gespannt, nachmittags will sie zu ihrer Freundin und ihr einen Kuchen mitbringen.
Eier und Butter reichen nicht und so macht sie sich auf den kurzen Weg in den Supermarkt.
Schnell hat sie beides im Korb, da hört sie von der Kasse eine laute Auseinandersetzung: „Ich hole jetzt die Polizei“, sagt resolut die Kassiererin.
Neben ihr der alte Mann, der drei Kleinigkeiten in seinem Korb hat und immer wieder beteuert: “Ich habe doch kein Geld!“
Erika merkt schnell, dass der alte Mann nicht betrügen will, er versteht die Welt nicht mehr. Sie kennt ihn vom Sehen, aber normalerweise ist er immer mit einer Frau zusammen, die sich liebevoll um ihn kümmert und geduldig mit ihm umgeht. Sie ist nirgends zu sehen. Erika gibt der Kassiererin Geld und sagt, das übernehme ich. Sie geht mit dem alten Mann nach draußen und fragt ihn, wo er wohne. Zuhause ist seine Antwort und mehr nicht. Sie nimmt ihn an die Hand und sie gehen gemeinsam langsam durch die Siedlung in der Hoffnung, er erkennt sein Zuhause. Nach einer Viertelstunde kommt um eine Straßenecke seine Frau ganz aufgeregt: „Da bist du ja, ich habe dich schon überall gesucht! Ich habe doch nur die Wäsche aufgehängt.“ Der alte Mann ist so froh, dass seine Frau wieder da ist und sagt zu ihr: „Du hast doch heute morgen gesagt, dass du das noch brauchst. Ich wollte dir nur eine Freude machen.“
Der alte Mann umarmt seine Frau, die bedankt sich bei Erika und sie gehen gemeinsam nach Hause.
Erika geht auch nach Hause, dankbar, dass sie Zeit hatte.
Zeit für die Menschen, die sie brauchen wünscht
Pfarrerin Renate Höppner von der evangelischen Kirche in Magdeburg