An den Ausbrecherkönig
Hallo kleiner Held, ich stehe hier vor dir auf dem Gehweg und eigentlich müsste ich weiter. Aber ich kann nicht anders, ich muss stehenbleiben und dich einfach ansehen. Wie du dich da aus dieser winzigen Fuge zwischen Gehweg und Bordsteinkante herausarbeitest.
Dein Name ist ja eigentlich schon Programm: Löwen-Zahn. Wer hat dir den eigentlich gegeben? Du siehst so zart aus. Aber wenn ich mir deine kleinen Blätter anschaue, diese scharfen Zacken, wie sie sich mit aller Macht gegen den Asphalt stemmen, dann verstehe ich es. Du hast den Biss eines Löwen. Du drückst. Du schiebst. Du arbeitest dich Millimeter für Millimeter ins Licht.
Ich schaue, und mir kommt dieser Vers aus einem Passionslied in den Sinn. Wir haben es neulich erst gesungen: „Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“ Ich weiß, du bist ein Löwenzahn, und kein Weizen auf sicherem Feld. Du bist ein Kämpfer im Teer.
Liebe wächst. Und du, kleiner Löwenzahn, du Ausbrecherkönig, du zeigst mir, was Ostern wirklich meint: dass die Liebe gegen alle Widerstände die Kraft hat, nach dem Licht zu suchen und ihren Weg zu finden. Dass die Liebe nie aufgibt. Du bist für mich der Beweis, dass Gott genau dort mit uns mitschiebt, wo es am engsten ist, als die Kraft, die selbst im härtesten Stein noch einen winzigen Riss findet.
Danke, kleiner Held. Du erinnerst mich daran, dass ich heute nicht gegen die Härte der Welt schimpfen muss. Ich nehme mir dich zum Vorbild und suche mir mit einer gehörigen Portion Liebe meinen eigenen kleinen Spalt – zum Licht durch diesen Tag.
So halte durch! Dein Halm ist grün, und bald wirst Du Pusteblume sein. Und deine Botschaft wird in die Welt fliegen.
Juliane Baumann, evangelisch aus Erfurt