Der Zettel im Kasten
Gerade war ich bei der letzten Serie auf Sendung, da liegt in meinem Briefkasten ein gelber, zusammengefalteter Papierstreifen. Vorne drauf steht „Für dich“, hinten „Beten hilft“. Ich klappe den Zettel auf und lese: „Bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede. Meide das Böse und tue das Gute.“ Das ist ein Bibelspruch.
Ist das Zufall, hat jemand die Straße rauf und runter solche Zettel verteilt? Und steht da dasselbe drauf oder hat jeder eine eigene Botschaft bekommen? Oder ist das jemand aus der Nachbarschaft, der meint, mich gut zu kennen? Oder hat das etwas mit meinen Beiträgen hier im Radio zu tun? Spricht da jemand mein loses Mundwerk an?
Das ist ja immer mal Grund für Aufregung. Zur selben Zeit ging eine E-Mail an den MDR. Da schrieb eine Frau, dass sie den Typen, also mich, – ich zitiere – zum Kotzen findet. Der gelbe Zettel ist anders, sauber geschnitten, schön geschrieben, gut überlegt.
Die Hass-Mail macht mich nicht so nachdenklich wie der gelbe Zettel: „Bewahre deine Zunge vor Bösem, tue das Gute“ und dann „Beten hilft“. Wie ist das gemeint? Soll ich, anstatt die Dinge beim Namen zu nennen, lieber beten (damit Leute, wie diese Frau, nicht das Kotzen kriegen)? Dabei heißt beten für mich nicht, die Hände in den Schoß zu legen oder mir auf die Zunge zu beißen. Beten heißt für mich, mich einer Sache, einem Menschen zu nähern – so, wie ihn Jesus anschauen würde. So kann ich herausfinden, was zu sagen – und manchmal auch, was zu tun ist.
Einen schönen Tag wünscht Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.