Mamdani
Mein Sohn studiert gerade in den USA. In den Bibliotheken und Lesesälen seiner Uni geht es mucksmäuschenstill zu, sagt er. Kein Laut, kein Räuspern. Nur Stille. Aber an dem Tag, an dem der New Yorker Bürgermeister gewählt wurde, war es anders. Alle saßen über ihren Büchern, erzählt er mir, und daneben das Handy. Und als das Wahlergebnis bekannt wurde … in dem Moment war etwas zu hören. Nichts Lautes. Ein Ausatmen. Es war, als hätten Dutzende Menschen lange die Luft angehalten und würden gleichzeitig ausatmen – und aufatmen. Wenn ich mich frage, wie sich Hoffnung anhört, dann vielleicht so.
Gewählt wurde Zohran Mamdani, ein 34-jähriger Einwanderer. Ein Muslim. New York hat die größte jüdische Gemeinschaft der USA. Hier hat ein Muslim, der sich für die Palästinenser einsetzt, nie eine Chance, hieß es. Aber er wurde gewählt, auch von Jüdinnen und Juden.
In seiner Rede vom Wahlabend sagte Mamdani: „Ich bin jung, ich bin Muslim, ich bin ein demokratischer Sozialist. Ich weigere mich, mich dafür zu entschuldigen.“ – Und dann sagt er: „Wir werden ein Rathaus errichten, das fest an der Seite der jüdischen New Yorker steht und im Kampf gegen Antisemitismus nicht wankt. Und wo die über eine Million Muslime wissen, dass sie dazugehören.“
Ich schaue mir das Video einer Wahlveranstaltung an, bei der eine Rabbinerin, ein Imam und ein Pfarrer auftreten – nebeneinander. Und sie reden für Herz statt Hetze. Es geht. Es geht, auch ohne zu spalten. Am 1. Januar wird Mamdani sein Amt antreten. Wenigstens in New York beginnt das neue Jahr hoffnungsvoll, Alhamdulillah, Gott sei Dank.
Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach