Mauer der Tränen
Mitten im bunten und quirligen jüdischen Viertel von Krakau steht eine Synagoge. Sie kann besichtigt werden. Das tun wir und lassen uns gerne hineinnehmen in die festliche Atmosphäre des kleinen Gotteshauses. Dahinter liegt ein Friedhof. Einer mit viel Geschichte. Einige der Grabsteine sind aus dem 15. Jahrhundert, manche von berühmten jüdischen Gelehrten oder Rabbinern. Ich laufe die Reihen entlang und versuche, hebräische Buchstaben zu entziffern. Im Studium habe ich die Sprache gelernt. Viel ist nicht hängengeblieben, aber zum Lesen reicht es.
Dann komme ich an die Friedhofsmauer und lese in der Beschreibung, warum sie so merkwürdig geflickt aussieht. Überall sind kleine oder größere Steinbrocken eingefügt. Auch dieser Friedhof wurde nach dem Überfall auf Polen von den Nazis zerstört und geschändet. Die alten Grabsteine wurden in Stücke gehauen, als Baumaterial verwendet oder achtlos liegengelassen und zerstreut.
Nach dem Krieg mit all seinen Schrecken machten sich Restauratoren daran, die Steine wieder zusammenzufügen und erneut auf dem Friedhof aufzustellen. So wurden viele bewahrt. Aber nicht alle. Viele Trümmerstücke blieben übrig und konnten nicht mehr zugeordnet werden. Die sind nun in die Friedhofsmauer eingefügt. „Mauer der Tränen“ heißt sie. Ich lege meine Hände darauf und denke an die Menschen, deren Erinnerung so bewahrt bleibt. Ihre Namen kennen wir nicht mehr und trotzdem sind sie nicht vergessen!
Ich grüße Sie aus Eisenach. Cornelia Biesecke, ev. Kirche