Sammelleidenschaft
Frau Meier sammelt Postkarten. Von jeder größeren Reise bringt sie welche mit. Interessante Städte haben es ihr angetan. Frau Meier ist viel rumgekommen im Leben. Ihre Sammlung hat beachtliche Ausmaße angenommen.
Wenn ich sie besuche, holt sie gerne die eine oder andere Kiste heraus und schaut mit mir Postkarten an. Dazu erzählt sie herrliche Anekdoten. Manche Postkarten hat sie auch geschickt bekommen, von Menschen, die um ihre Sammelleidenschaft wissen. Dann gibt es dazu auch noch eine Lebensgeschichte.
Richtige Schatzkisten sind das. Ich selber bin nicht so ein Sammeltyp, aber bei Frau Meier gefällt mir das. Sie hat trotz ihres Alters ein gutes Gedächtnis und kann wunderbar erzählen.
„Wissen Sie, dass ich noch was sammle?“, sagt Frau Meier beim letzten Besuch. Na, denke ich, was wird sie jetzt aus dem Schrank holen? Noch mehr verborgene Kisten? Falsch. Frau Meier, so erzählt sie mir bedächtig, sammelt Erlebnisse. Eindrücke, Bilder, Gespräche, sogar Gerüche. Und zwar von jedem Tag. Abends setzt sie sich dann in ihren großen Sessel und lässt ihre ganze Sammlung in Gedanken an sich vorüberziehen. Dann faltet sie die Hände und erzählt ihrem Herrgott das eine oder andere, dass sich angesammelt hat.
„Dann“, sagt sie, „kann ich den Tag beenden und meine Kiste zumachen.“ Eine schöne Sammelleidenschaft, denke ich. Platz braucht sie nicht. Nur ein bisschen Zeit für Kopf und Herz und Gott.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen. Cornelia Biesecke aus Eisenach, ev. Kirche