Totensonntag
Heute ist Totensonntag – oder auch Ewigkeitssonntag. Ich fall mal nicht gleich mit der Tür ins traurige Haus. Machen wir einen Umweg über eine Schulstunde in einer 9. Klasse: Die Lehrerin bittet alle in der Klasse, auf ein Blatt die Namen aller Klassenkameraden zu schreiben, alle untereinander. Und danach neben jeden Namen eine der schönsten und freundlichsten Eigenschaften, die einem zu dem Klassenkameraden einfallen. Am Ende der Stunde geben alle ihr Blatt ab.
Am Wochenende setzt sich die Lehrerin zu Hause hin und notiert für jede Schülerin, für jeden Schüler alle freundlichen Worte auf ein gesondertes Blatt. Sie lässt sich Zeit, schreibt mit schöner Schrift. Am Montag gibt sie jedem Schüler, jeder Schülerin ein Blatt voll mit all den Komplimenten, die die Klasse zusammengetragen hat.
Das war’s auch schon. Sie haben nie wieder darüber gesprochen. Jahre vergehen. Dann kommt einer der Schüler bei einem Autounfall ums Leben. Die Lehrerin geht zu seiner Beerdigung. Da kommt der Vater des verstorbenen Jungen auf sie zu und sagt: „Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“ Er holt ein Blatt hervor. „Mein Sohn hatte es immer im Portemonnaie bei sich.“ Es ist das Blatt von damals mit all den freundlichen Worten. Natürlich sind auch die früheren Schulfreundinnen und -freunde zur Trauerfeier gekommen. Die einen erzählen, sie hätten ihren Zettel ins Hochzeitsalbum geklebt, ins Tagebuch gelegt, sogar eingerahmt.
Jeder Tag ist ein guter Tag, um den Lieben zu sagen, was sie einem bedeuten – auch und vor allem am Ewigkeitssonntag, findet
Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach